Aufstand der Flora

Pflanzen sind ein unterschätztes Motiv im Science-Fiction-Genre. © Aline Klieber

Pflanzen sind ein unterschätztes Motiv im Science-Fiction-Genre. © Aline Klieber

Zum Selbstverständnis einer jeden Forscherin und eines jeden Forschers gehört die Neugier: Antworten suchen auf Fragen, die sich fast von selbst stellen, etwa im Hinblick auf den menschengemachten Klimawandel; oder auf solche, die erst geboren werden müssen - durch ein waches Auge und einen Hang zum Abseitigen. Katharina Scheerer und ihre Mitstreiter von der Graduate School Practices of Literature etwa fragen sich für die Ausstellung "Eden? Plants between Science and Fiction", wie es um Pflanzen in der Science-Fiction-Literatur steht und finden damit die großen Themen in einem kleinen Forschungsgegenstand.

Das Vorhaben:

Das Projekt "Eden? Plants between Science and Fiction", ein Gewächs der Coronapandemie, entstand im Rahmen der Dissertation von Katharina Scheerer, die hierfür die Anfänge der deutschsprachigen Science-Fiction-Literatur um 1900 untersucht. Dabei stellte sie fest, dass Pflanzen ein wenig beachtetes, aber umso spannenderes Motiv in einer Vielzahl von Texten sind. "Viel prominenter dürften Aliens, fremde Welten und Raumschiffe sein", erklärt die Doktorandin, wendet jedoch ein: "Wenn Pflanzen als Motiv auftauchen, finden sich meist Anknüpfungspunkte an zeitgenössische Diskurse, etwa rund um Klimakatastrophe oder Kolonialismus." Grund genug, den Motivranken zu folgen und Workshops mit Schriftstellern und Wissenschaftlerinnen abzuhalten. Hierbei ging es sowohl um die Literaturwissenschaft als auch um die Botanik - drückt der Untertitel doch aus, dass Pflanzen für das Projektteam zwischen (Natur-)Wissenschaft und Literatur stehen. Um mit der Arbeit aber nicht in einer geschlossenen Gesellschaft zu bleiben, keimte die Idee auf, die Ergebnisse der Textanalyse der öffentlichkeit zu präsentieren - in Form einer Ausstellung.

Die Beteiligten:

Das Team um Katharina Scheerer besteht aus neun Angehörigen des Fachbereichs Philologie - Promovenden, Masterstudentinnen und Alumni. Anlässlich der Ausstellung Übernehmen sie verschiedene Aufgaben: wissenschaftliche Recherche, Ausstellungsmanagement, Finanzen und Fördermittel, Szenografie und öffentlichkeitsarbeit. Intellektuelle und praktische Hilfe erhielt das Team unter anderem von Eckhard Kluth, Kustos der WWU, und Dennise Stephan Bauer, Kustos des Botanischen Gartens, sowie von einigen Schriftstellern.

Der Gegenstand:

Die Texte, die das Team auf pflanzliche Fasern untersucht hat, erstrecken sich über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren, beginnend um 1900. Damals sei Science-Fiction vor allem ein didaktisches Werkzeug zur Vermittlung naturwissenschaftlichen Wissens gewesen, berichtet Katharina Scheerer. Später, und dieser Aspekt ist heute dominanter als der erste, entstand das sogenannte Science-Fiction-Prototyping. Diese Spezifikation des Genres greift wissenschaftliche Diskurse nicht nur auf, sie denkt sie weiter, sie spekuliert und fantasiert. Hierdurch entstehen mannigfaltige Visionen darüber, was die Zukunft bringen mag - im Guten wie im Schlechten. Im Fall der botanisch bewucherten Sci-Fi-Literatur: Pflanzen rebellieren gegen den Menschen als Unterdrücker.

Drei Kategorien von Texten definierten die Beteiligten: Mal sind Pflanzen Teil paradiesischer Vorstellungen, mal Horrorpflanzen, die den Menschen (zurück-)bekriegen. In der dritten Kategorie löst sich die Unterscheidung von Kultur und Natur, von Menschen und übriger Welt auf: Es kommt zum speziesübergreifenden Dialog, zum Verständnis für das Andere. "Das sind die besonders spannenden Texte: Der Mensch tritt zurück, er wird Teil eines Systems, das unendlich viel größer ist als er selbst, sodass Lösungen aktueller Probleme in Erscheinung treten", erklärt Katharina Scheerer. Die große Anzahl der bearbeiteten Texte zeugt davon, wie lohnenswert der Blick auch auf scheinbar kleine Untersuchungsgegenstände sein kann. Alfred Döblin, Dietmar Dath, Christoph Dittert (Co-Autor der Perry-Rhodan-Romane), Sue Burke: Sie alle erheben Pflanzen zu ihren Protagonistinnen, verleihen diesen stillen, unbeweglichen und vermeintlich gefühllosen Geschöpfen Sprache, Bewegung und Regungen. Dadurch werde den Photosynthese betreibenden Lebewesen (trotz ihrer Allgegenwart) das Fremdartige genommen, meint Katharina Scheerer. "Pflanzen können gut ohne uns Menschen, wir aber nicht ohne sie auskommen", bilanziert sie.

Die Herausforderung:

Das Sezieren von Texten und die zu Papier gebrachte Untersuchung (von Topoi, Erzählperspektive und Stilmitteln im Allgemeinen, von kommunizierenden und mörderischen Pflanzen auf entlegenen Planeten im Speziellen) ist weniger ein gemeinsam zu erlebender Akt als vielmehr eine solistische Tätigkeit. Für die Projektgruppe war der Mangel an anschaulichen Exponaten allerdings kein Hindernis, sondern Ansporn, über den eigenen Bücherstapel hinauszudenken und sich in das Projektund Ausstellungsmanagement einzuarbeiten.

Die Umsetzung:

Das Ergebnis von bald zwei Jahren ehrenamtlicher Arbeit ist vom 15. bis 29. Mai in der Orangerie des Botanischen Gartens der WWU zu sehen - in eigens für die Ausstellung erbauten Holzhäuschen. Diese fungieren als Trägermedien für die Auszüge aus den Romanen, Kurzgeschichten und Comics sowie für die Wandtexte, die die Gegenstände im Kontext der Ausstellung verorten. So sollen die Ergebnisse auch für ein nicht literaturwissenschaftlich geschultes Publikum zugänglich sein. Das Team möchte damit einen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation leisten und auf die Relevanz von Literatur für das gesellschaftliche Leben hinweisen. Aufgrund der engen Zusammenarbeit mit Joela Jacobs von der University of Arizona und eines anstehenden Forschungsaufenthaltes von Katharina Scheerer an der US-amerikanischen Universität ist die Ausstellung im Herbst 2022 auch dort zu sehen.

Über die Ausstellung

Die Ausstellung "Eden? Plants between Science and Fiction" ist vom 15. bis 29. Mai in der Orangerie des Botanischen Gartens der WWU zu sehen. Sie kann täglich von 10 bis 19 Uhr besucht werden. Die Eröffnung findet am 15. Mai, 18 Uhr, statt. Zum Programm gehören eine Lesung des Autors Christoph Dittert (17. Mai) sowie ein Vortrag der Literaturwissenschaftlerin Dr. Solvejg Nitzke (19. Mai) von der TU Dresden (jeweils um 18 Uhr). Außerdem erfolgt die Preisverleihung und Autorenlesung anlässlich des WWU-Kurzgeschichtenwettbewerbs "Green Tales" (24. Mai, 18 Uhr).

Autor: André Bednarz

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen

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