Bilanzierung von Emissionen im Lebensmittelsektor: Gemeinsame Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette

Ein neuer Ansatz zur Berücksichtigung der im Lebensmittelsektor verursachten Emissionen, der internationale Handelspartner mit einbezieht, könnte, so technisch er auch klingen mag, zur Erreichung der Treibhausgasreduktionsziele beitragen. Wenn die Verantwortung für die Reduzierung auf alle Länder entlang der Wertschöpfungskette eines Produkts verteilt wird, könnte dies erhebliche Auswirkungen haben, so eine jetzt veröffentlichte Studie.

,,Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, ist die Verringerung der Emissionen im Lebensmittelsektor von zentraler Bedeutung, da dieser Sektor allein für etwa ein Drittel aller Emissionen verantwortlich ist, wenn man die gesamte Kette von der Produktion über die Verarbeitung und den Transport bis zum Konsumenten betrachtet. Um diese Reduzierung zu erreichen, muss man wissen, wo und wie viele Emissionen anfallen - die sogenannte Emissionsbilanzierung", erklärt Prajal Pradhan, Studienautor vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

,,Klassischerweise gibt es zwei Möglichkeiten, die bei der Produktion von Lebensmitteln emittierten Tonnen Kohlenstoff zu zählen: Entweder im Erzeugerland, d. h. ab dem Bauernhof, oder beim Verbraucher. Während beide Ansätze die gleiche Gesamtmenge an Emissionen ergeben, macht der Ort, an dem die Emissionen gezählt werden, einen großen Unterschied, insbesondere wenn es um die Verantwortung geht." 

An dieser Stelle kommt die Idee der handelsbereinigten Emissionen ins Spiel. Der Welthandel mit landwirtschaftlichen Gütern hat sich in den letzten 40 Jahren in Bezug auf den Importwert versechsfacht und ist dabei immer komplexer geworden. In vielen Fällen geht ein Produkt nicht direkt vom Erzeugerzum Verbraucherland, sondern durchläuft Zwischenländer, die nur am Handel beteiligt sind, aber auf dem Weg des Produkts über den Globus einen Gewinn erzielen. Das Forscherteam des PIK und der Universität Koblenz-Landau hat diese Zwischenhändler in die Bilanzierung einbezogen, indem es einen Ansatz für die Emissionsbilanzierung gewählt hat, der auf den von den Ländern gemeldeten Handelsdaten beruht, und so die Basis der Verantwortung auf alle drei Bereiche erweitert: Produzenten, Verbraucher und Zwischenhändler. 

,,Auf diese Weise wird jeder in der Wertschöpfungskette in die Lage versetzt, sich zum Besseren zu verändern", erklärt Adrian Foong, Hauptautor der Studie. ,,Durch die in dieser Studie vorgeschlagene Bilanzierung von Emissionen hätten Zwischenhändler den Anreiz, ihre Waren verantwortungsvoller zu beschaffen, d. h. Waren zu wählen, die mit weniger Emissionen pro Stück hergestellt werden - was wir als ’Emissionsintensität’ bezeichnen. Eine Auswirkung könnte sein, dass Länder mit hohem Einkommen - Händler oder Verbraucher - mehr Technologietransfer in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen betreiben, um die Emissionsintensität der Produktion zu senken und damit ihre eigene Emissionsbelastung zu verringern."

Aber es gibt noch mehr Anwendungsfälle, wie Jürgen Kropp, stellvertretender Leiter der PIK-Forschungsabteilung Klimaresilienz, erklärt: ,,Ein weiterer interessanter Anwendungsfall wären bilaterale Handelsabkommen oder sogar emissionsbezogene Grenzsteuern: Wenn man die Emissionen einbezieht, die den Handel mit landwirtschaftlichen Gütern widerspiegeln, gibt es einen größeren Hebel, um die Länder dazu zu bewegen, ihre Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels zu verstärken."

Die Ergebnisse dieser Studie tragen zu den jüngsten Diskussionen über die Berücksichtigung von Kohlenstoffemissionen in EU-Handelsvorschriften bei, fügt Oliver Frör, Autor und Forscher an der Universität in Landau, hinzu: ,,Unsere Berechnungen der handelsbezogenen Emissionen im Lebensmittelsektor zeigen deutlich, dass alle emissionsbezogenen Handelsregelungen wie der diskutierte Kohlenstoffgrenzausgleich landwirtschaftliche Güter und Lebensmittel einbeziehen müssen, um wirksam zu sein".

Die Einbeziehung von Zwischenhändlern in die Emissionsberechnungen bedeutet jedoch nicht, dass die anderen Enden der Kette, Produzenten und Verbraucher, nicht mehr in der Verantwortung stehen. Jürgen Kropp: ,,Um den großen Teil der globalen Emissionen, die auf unser Ernährungssystem zurückzuführen sind, nachhaltig zu verändern, müssen wir die Produktion grundsätzlich nachhaltiger gestalten und auch die Konsummuster ändern: Mehr Obst und Gemüse, weniger Abfall." 

Die Studie: 
Adrian Foong, Prajal Pradhan, Oliver Frör, Jürgen P. Kropp (2022): Die Anpassung von landwirtschaftlichen Emissionen für den Handel ist wichtig für den Klimaschutz. Nature Communications [ DOI: 10.1038/s41467’022 -30607-x ]

Fachfragen beantwortet:
iES - Institut für Umweltwissenschaften Landau
Oliver Frör

Meldung Fachbereich 7 , , Pressemeldung öffentlichkeitsarbeit

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