Kann Religion heilsam sein?: Psychotherapeutin untersuchte Zusammenhang von Glauben mit physischen und psychischen Beschwerden

Nicola Deisels Ergebnisse zeigen, dass sich vor allem Menschen mit körperlichen

Nicola Deisels Ergebnisse zeigen, dass sich vor allem Menschen mit körperlichen oder psychischen Beschwerden auf die Suche nach einem eigenen spirituellen Weg machen. © Unsplash - Ben White

In herausfordernden Zeiten, bei körperlichen oder seelischen Beschwerden suchen viele Menschen Kraft in ihrem Glauben. Einige Studien legen sogar den Verdacht nahe, dass religiöse Menschen gesünder sind und ihr Glaube sie gewissermaßen vor Krankheiten schützt. Dr. Nicola Deisel kommt in ihrer Dissertation an der WWU allerdings zu einem anderen Schluss. Entgegen ihrer Erwartungen stellte die Psychologische Psychotherapeutin in einer Befragung fest, dass psychisch und physisch erkrankte Patienten spiritueller sind und häufiger religiösen und spirituellen Handlungsmustern folgen als gesunde Menschen. ,,Möglicherweise schützen derlei Überzeugungen nicht vor körperlicher oder seelischer Belastung, sondern die Krankheit regt die Suche nach dem eigenen Glauben erst an", folgert Nicola Deisel aus ihren Ergebnissen.

Um dem Phänomen des schützenden Glaubens auf die Spur zu kommen, führte die Psychotherapeutin zwei deutschlandweite repräsentative Befragungen mit jeweils rund 2.500 Personen durch. Dafür entwickelte sie eigens zwei Skalen weiter, die die religiösen und spirituellen Erfahrungen von Personen erfassen. ,,In Deutschland ist das Thema bislang nur wenig erforscht. Amerikanische Studien legten aber nahe, dass Religiosität und eine aktive Glaubenspraxis mit weniger Depression und Angst sowie geringeren körperlichen Beschwerden in der Bevölkerung einhergehen", erläutert Nicola Deisel.

Doch ihre Ergebnisse zeigten etwas anderes: Körperlich, psychisch sowie traumatisch belastete Patienten wendeten sich vermehrt dem eigenen Glauben zu, was insgesamt dafür spricht, dass erst die Beschwerden die Suche nach einem eigenen spirituellen Weg anstoßen. Traugott Roser vom Seminar für praktische Theologie an der evangelisch-theologischen Fakultät der WWU,  Überrascht dieses Fazit nicht. ,,Meine Erfahrungen als Seelsorger zeigen ebenfalls, dass Menschen sich nach Frieden und Dankbarkeit sehnen und sich Heil und Heilung wünschen, wenn die vermeintliche Sicherheit von Gesundheit gefährdet ist", erläutert er.

Nicola Deisels Erkenntnisse führen unweigerlich zu der Frage, ob der Einfluss von Religiosität auf die Gesundheit in der Gesellschaft Überschätzt wird. Dem widerspricht die Psychotherapeutin. ,,Meine Befragung zeigt, dass Spiritualität und Religion auch in der heutigen Zeit insbesondere bei belasteten Menschen eine große Rolle spielen", betont sie. ,,Andererseits weiß ich aus meiner Tätigkeit als Psychotherapeutin, dass viele Patienten wenig Zugang zu Gläubigkeit und Spiritualität haben und diese wichtige Ressource somit leider nicht für sich nutzen können." Bei diesen Patienten gelte es andere gesundheitsfördernde Faktoren zu identifizieren. ,,Das kann zum Beispiel bedeuten, dass sich Menschen vermehrt mit der eigenen Selbstfürsorge beschäftigen und lernen, auf ihre Bedürfnisse zu achten", erklärt die Psychotherapeutin.

Gerade für die Ausbildung angehendender Ärzte und Therapeuten können die Erkenntnisse von Nicola Deisel hilfreich sein. ,,Da der Glaube gerade für kranke Menschen eine große Stütze sein kann, sollte bereits im Studium darauf eingegangen werden, wie Mediziner und Psychotherapeutin diese Ressource in die Behandlung integrieren können", erläutert sie. Auch Traugott Roser hält das Thema für unverzichtbar im Studium. ,,Gerade bei psychischen Belastungen kommt religiösen Vorstellungen eine wichtige Rolle zu, manchmal in unterstützender, manchmal in belastender Form. Die Studierenden müssen diese Unterschiede erkennen lernen." Studien der Wissenschaftler Mara Taverna und Henning Freund zeigten allerdings, dass solche Kurse häufig sehr früh im Studium angeboten werden - zu einem Zeitpunkt, an dem die Studierenden reichlich Lernstoff bewältigen müssen und deswegen noch nicht offen für das Thema sind. Nicola Deisel empfiehlt daher, vor allem Vertiefungskurse in späteren Semestern anzubieten oder durch Impulsvorträge auf das Thema aufmerksam zu machen.

Auch Experten in Krankenhäusern und psychotherapeutischen Einrichtungen könnten die Erkenntnisse aus Nicola Deisels Dissertation nutzen. ,,Ärzte und Therapeuten sollten die Gläubigkeit ihrer Patienten viel häufiger während der Behandlung erfragen, um die unterstützende Funktion durch Seelsorge in der Klinik oder Therapie-Gespräche zu fördern", unterstreicht sie. Die gekürzten Skalen aus ihrem Fragebogen können helfen, das Thema ohne großen Zeitaufwand in die klinische Praxis zu integrieren.

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