Timing ist alles

Foto: Matthias Heyde

Sobald mehrere Menschen aufeinandertreffen und zu sprechen beginnen, kann ,,alles Mögliche passieren", sagt der Psycholinguist Mathias Barthel, zuckt mit den Achseln und lacht. Daher seien Sprachverstehen und Sprachproduktion in der Psychologie traditionell getrennt voneinander untersucht worden - in streng kontrollierten, eher alltagsfernen Experimenten. Wer sich allerdings wie er dafür interessiert, ,,wie es uns gelingt, einem anderen komplexe Inhalte mit den sehr begrenzten Mitteln der Sprache zu kommunizieren", muss freiere Interaktionen untersuchen - und sich kreative Experimente einfallen lassen.

Zu Sprechpausen zum Beispiel. Zwischen Äußerungen verschiedener Sprecher dürfen Sprechpausen nicht zu lang werden, erklärt Mathias Barthel. Andernfalls - das haben Untersuchungen gezeigt - verpasst der Antwortende entweder seine Chance, etwas zu sagen oder legt dem Gesprächspartner nahe, dass etwas nicht stimmt. ,,Wenn ich Sie zum Essen einlade und Sie schweigen daraufhin länger als eine Sekunde, dann werde ich glauben, dass Sie keine Zeit haben, sich unsicher sind oder mich nicht treffen wollen," veranschaulicht der Forscher. Wer verhindern will, falsch verstanden zu werden, muss also zügig antworten. Aber wann genau sollte man sprechen - und wann besser (noch) nicht?

Aufwändiges Multitasking

Für seine Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik hat Mathias Barthel Experimente mit zwei Gesprächspartnern entwickelt, in denen er das Antworttiming genauer unter die Lupe nahm. Der Versuchsperson zeigte er Objekte auf einem Bildschirm, eine Kollegin Barthels nannte dann einige dieser Objekte, andere jedoch nicht. Aufgabe der Versuchsperson war es, ihrer Gesprächspartnerin mitzuteilen, welche weiteren Objekte sie noch sehen konnte. Darüber hinaus gab es keine Vorgaben: Barthel ging es - anders als vielen seiner Kolleginnen und Kollegen aus der Psycholinguistik - nicht um die genaue Wortwahl der Probanden, sondern ums Timing.

Während des Experiments zeichneten Kameras die Augenbewegungen der Versuchspersonen auf. ,,Anhand von Blickbewegungen kann ich feststellen, ob sich die Versuchsperson gerade mit den Objekten beschäftigt, die ihr genannt werden - mit Sprachverarbeitung - oder mit denen, die sie gleich selbst nennen wird, also mit Sprachproduktion," erläutert der Forscher. Hierbei lieferten Veränderungen der Pupillengröße Barthel Hinweise auf das, was im Kopf der Versuchsperson vor sich ging, denn ,,die Pupillen erweitern sich je nachdem, wie groß der kognitive Aufwand ist, den jemand betreibt." Das Ergebnis: Zuhörende planen ihre Antwort während das Gegenüber noch spricht, obwohl das aufwändiger ist, als erst eine Antwort zu entwickeln, wenn der andere zu Ende gesprochen hat. Dieses aufwändige Multitasking sei vermutlich durch soziale Vorteile motiviert, kommentiert der Forscher, denn nur so schafften wir es zügig genug zu antworten.

Seine Doktorarbeit hat Mathias Barthel kürzlich erfolgreich an der Radboud Universität Nijmegen verteidigt. Anwendung finden könnten die Ergebnisse des seit 2019 an der Humboldt-Universität tätigen PostDocs unter anderem an der Schnittstelle von Mensch zu Maschine: So seien Sprachassistenten bislang eher schlecht darin, subtile Hinweise auf das baldige Ende einer Äußerung zu erkennen und fielen ihren Benutzern daher häufig ins Wort. Mit Hilfe der hier gewonnenen Erkenntnisse könnte das maschinelle Timing verbessert werden, ist der Forscher überzeugt.


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