Fremdenhass hauptsächlich dort, wo keine Fremden sind

Fremdenfeindliche Straftaten sind in einer Region oder einem Landkreis umso seltener, je mehr Ausländerinnen und Ausländer darin wohnen. Das ist das Ergebnis einer empirischen Studie der Universitäten Marburg, Osnabrück sowie Koblenz-Landau und des Bundeskriminalamtes (BKA). Die Studie ist in der Fachzeitschrift ,,Social Psychology Quarterly" erschienen.

Die Forscher nutzten für ihre empirische Studie Daten der Statistik zur Politisch motivierten Kriminalität des BKA aus dem Berichtsjahr 2015. In diesem Jahr erreichte der Zuzug von Geflüchteten seinen Höhepunkt, die Polizei verzeichnete besonders viele einschlägige Straftaten. Für das Jahr 2016 verzeichnet die Statistik im Vergleich zu 2014 mehr als doppelt so viele Straftaten gegen Migrantinnen und Migranten sowie ethnische Minderheiten. Die Zahl der Brandanschläge gegen Asylbewerberheime verzwölffachte sich. Laut BKA stiegen 2019 die Zahlen der Hasskriminalität, zu der fremdenfeindliche Verbrechen zählen, erneut: um 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der Anstieg war nicht überall gleich hoch: So kamen in den ostdeutschen Bundesländern mehr solcher Straftaten vor als in Westdeutschland. In der Wissenschaft gibt es zwei zentrale Theorien, die diese Tatsache erklären können: Leben viele Ausländerinnen und Ausländer in einer Region, so gibt es der Gruppenkontakt-Theorie zufolge mehr Möglichkeiten, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Positive Erfahrungen dabei können zum Abbau negativer Vorurteile führen. Die Bedrohungstheorie dagegen vermutet, ein höherer Anteil an Ausländerinnen und Ausländern wecke bei der Bevölkerungsmehrheit ein Gefühl der Bedrohung des ökonomischen Status sowie wichtiger Wertvorstellungen und Normen. Dieses Empfinden ruft laut dieser Theorie Zurückweisung und diskriminierendes Verhalten hervor. 

Zur Überprüfung beider Theorien setzten die Forscherinnen und Forscher die Zahlen aus dem Jahr 2015 zu den strukturellen Merkmalen der insgesamt 402 deutschen Landkreise ins Verhältnis - beispielsweise Anteil von Ausländerinnen und Ausländern beziehungsweise von Geflüchteten pro Kreis, Verhältnis von Zu- und Wegzügen oder Anzahl von Straftaten insgesamt sowie durch Geflüchtete in einem Kreis. Das Ergebnis: Je mehr Ausländerinnen und Ausländer in einem Landkreis leben, umso geringer ist die Anzahl fremdenfeindlicher Straftaten - selbst nach Ausschluss aller möglicher Störfaktoren wie Arbeitslosenquote, Bevölkerungsdichte oder Lage des Kreises in Ostoder Westdeutschland. Die Häufigkeit von Hassverbrechen stand dabei in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem Anteil an Geflüchteten in den einzelnen Kreisen, wohl aber mit dem Gesamtanteil der Ausländerinnen und Ausländer. Eine mögliche Erklärung sehen die Autorinnen und Autoren darin, dass Ausländerinnen und Ausländer in bestimmten Landkreisen schon länger präsent sind, was für das Verhalten zwischen den Gruppen relevanter ist als neu hinzugekommene Geflüchtete. Die kurze Anwesenheit von Geflüchteten in einigen Regionen reiche hingegen möglicherweise nicht aus, um positive Kontakte zu ermöglichen, die das Verhalten zwischen den verschiedenen Gruppen prägen könnten. Darin sehen die Forschenden auch eine Erklärung dafür, dass in ostdeutschen Kreisen anteilmäßig häufiger fremdenfeindliche Übergriffe stattfanden als in Westdeutschland. Historisch gesehen ist die Anzahl von Ausländerinnen und Ausländern in Ostdeutschland deutlich geringer als in den westdeutschen Regionen. Die Forscherinnen und Forscher vermuten, dass aufgrund der geringen Quote von Ausländerinnen und Ausländern in den ostdeutschen Kreisen wenig Kontakt und somit wenige positive Kontakterfahrungen stattfinden, die Beziehungen verbessern und Vorurteile abbauen können. So wurde der - im Vergleich zu westdeutschen Regionen - geringe Zuzug an Geflüchteten wohl eher als Bedrohung wahrgenommen und führte zu Gewalt.

Die Studie: 

Ulrich Wagner, Sarantis Tachtsoglou, Patrick Ferdinand Kotzur, Maria-Therese Friehs, Uwe Kemmesies (2020): Proportion of foreigners negatively predicts the prevalence of xenophobic hate crimes within German districts. Social Psychology Quarterly. DOI: 10.1177/0190272519887719 .


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