"Weiterentwicklung ist Pflicht"

Infrarotkameras erfassten jede Bewegung des Torwarts.© WWU - Michael C. Möller

Infrarotkameras erfassten jede Bewegung des Torwarts. © WWU - Michael C. Möller

Wieder und wieder passen sich drei Fußballspieler auf dem großen Fußballfeld des Instituts für Sportwissenschaft am Horstmarer Landweg die Bälle zu und laufen sich warm. Alles wirkt wie ein alltäglicher Trainingsauftakt. Doch ein Detail irritiert: An den Waden tragen die Spieler Sender, in ihre Schuhe ragen Kabel hinein, und immer wieder überprüfen sie eine kleine reflektierende Kugel, die an ihren Trikots angebracht ist. Was passiert hier eigentlich?

Es ist die Verknüpfung von Sport und Wissenschaft, die heute am Institut für Sportwissenschaft im Zentrum steht. Stundenlange Spielanalysen, Athletiktrainer und Medizinteams beweisen, dass Fußballspiele nicht nur auf dem Platz gewonnen werden. Auch die Sportwissenschaftler der Westfälischen Wilhelms Universität Münster (WWU) haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Fußball ein bisschen besser zu machen. Gemeinsam mit der Gesellschaft für Biomechanik Münster (GeBioM) und der vom ehemaligen Weltklasse-Torhüter Oliver Kahn gegründeten Firma Goalplay untersuchen und optimieren sie die Leistung von den sogenannten Torspielern. Mithilfe technisch aufgerüsteter Keeper stellten sie der Crème de la Crème der Torwarttrainer in einem Workshop ihre Analysemöglichkeiten vor.

„Das Wetter ist perfekt für die Messung“, freut sich Heiko Wagner des Instituts für Sportwissenschaft der WWU über die grauen Wolken am Himmel und prüft zum letzten Mal den Aufbau der Instrumente auf dem Rasen des Sportplatzes. Zu viel Sonne würde die rund um das Tor aufgebauten mannshohen Kameras behindern, die mit mehreren Computern und einem riesigen Bildschirm am Spielfeldrand verbunden sind. „Wenn wir eine Schussszene simulieren, werden Infrarotblitze der bis zu 16 Kameras von sogenannten Spiegelmarkern, die an der Kleidung des Spielers befestigt sind, reflektiert. Mit einer speziellen Sohle im Fußballschuh messen wir zudem die Druckverteilung des Fußes auf dem Boden“, erläutert der Bewegungswissenschaftler.

Die Druckverteilungstechnik stellt das münstersche Unternehmen GeBioM, das vor 25 Jahren als Ausgründung aus der WWU entstand, zur Verfügung. Bereits seit zehn Jahren setzen sie die Messtechnik im Beachvolleyball, zum Beispiel für die Olympiasieger Julias Brink und Jonas Reckermann, ein. Seit einem Jahr entwickeln sie die spezielle Messsohle gemeinsam mit den WWU-Wissenschaftlern nun auch für Fußball-Torhüter weiter. „Durch die Analyse der Druckverteilung können wir Aussagen über das Verhalten der Spieler machen, die mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind“, erklärt Jörg Natrup, Leiter für Forschung und Entwicklung bei GeBioM. Für die Tests im vergangenen Jahr stellten sich die Torhüter des Drittligisten Preußen Münster zur Verfügung. Auch bei diesem Workshop ist Marian Prinz, Keeper von Preußen Münster, mit dabei.

Nach und nach finden sich die Torwarttrainer am Spielfeldrand ein. Das Interesse an dem Workshop ist groß, neben namhaften deutschen Clubs wie Borussia Dortmund oder Werder Bremen hat sogar Ajax Amsterdam zwei Vertreter zu den Sportwissenschaftlern aus Münster geschickt. Sie alle wollen wissen, ob die Technik die Leistung ihrer Torspieler optimieren kann, denn: „Noch immer basiert das Torspieler-Training zu großen Teilen auf den Erfahrungen und letztlich auch dem Bauchgefühl der jeweiligen Torwart-Trainer“, erläutert Markus Gaupp von Goalplay. Er trainierte beispielsweise Oliver Kahn und ist nun Trainer in dessen Unternehmen. Mithilfe dieser Messsysteme und der Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern könne das Training professionalisiert und dadurch schneller, genauer und besser werden, ist sich der Trainer sicher.

Endlich geht es los: Der Schütze schießt auf die linke untere Ecke des Tors, Preußen-Keeper Marian Prinz springt - ist aber einen Sekundenbruchteil zu langsam und verfehlt den Ball um wenige Zentimeter. Direkt nach dem Schuss wertet Anne Jeusfeld, Mitarbeiterin von GeBioM, die Druckverteilung für alle Teilnehmer sichtbar auf dem großen Bildschirm aus. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Marian Prinz vor allem seinen rechten inneren Fuß genutzt habe, um die Bewegung auszuführen. Auch die Sportwissenschaftler der WWU haben die ergänzende Bewegungsanalyse parat und zeigen in einer dreidimensionalen Graphik den Weg und die Flugkurve von Marian Prinz. Die Teilnehmer lauschen dicht gedrängt den Analysen. „Man sieht, dass sich Marian Prinz zum Zeitpunkt des Schusses noch nach oben bewegt, dabei müsste er bereits auf dem Weg nach unten zum Ball sein“, bewertet Markus Gaupp die Ergebnisse.

„Die Kombination aus wissenschaftlicher Expertise, technischem Wissen und spielpraktischer Erfahrung ist für uns eine große Chance“, meint Thomas Schlieck. „Die stetige Weiterentwicklung im Training ist Pflicht, um ganz oben mitzuspielen“, betont der Torwarttrainer von Borussia Dortmund. „Man muss nun sehen, wie man diese Analysen in reale Spielsituationen übersetzen kann.“ Marian Prinz weiß nun, was er besser machen könnte, sollte er im kommenden Spiel der Preußen gegen Viktoria Köln im Tor stehen: Er muss auf direkterem Weg zum Ball.

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