Vereinslogos, Spielernamen oder Meisterschalen: Fußballfans und ihre Tätowierungen

Vereinslogos, Spielernamen oder Meisterschalen: Fussballfans und ihre Tätowierungen


Forscher Dirk Hofmeister der Universität Leipzig untersucht Tätowierungen von Fussballfans

Morgen blitzen sie wieder, die Tätowierungen der Fussballer der Deutschen Nationalelf und auch in den Zuschauerreihen werden zahlreiche Fussballfans mehr oder weniger sichtbare Tätowierungen tragen. Der Psychologe Dirk Hofmeister von der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig untersucht, ob es zwischen Trägern von Fussballtätowierungen und Trägern anderer Tätowierungen Unterschiede gibt. Er trägt dafür weltweit einzigartiges Datenmaterial zusammen, welches 2017 als Promotion erscheinen wird.


Wie in der Gesamtgesellschaft sind Tätowierungen auch bei Fussballfans mit einigen Besonderheiten und Unterschieden sehr verbreitet. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Universität Leipzig. Sie ist die erste Studie dieser Art weltweit. Dirk Hofmeister, Diplom-Psychologe in der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universitätsmedizin Leipzig, geht in seiner wissenschaftlichen Arbeit der Frage nach, ob es zwischen Trägern von Fussballtätowierungen und solchen mit anderen Tätowierungen Unterschiede gibt und worin diese liegen könnten. Er konzentriert sich in seiner Forschung auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Motiven und Motivationen, in den Körperregionen von Tätowierungen und möglicherweise erlebten Stigmatisierungen.

In der aktuellen Studie der Universität Leipzig zeigt sich, dass nicht-fussballspezifische Tätowierungen vor allem wegen der Erhöhung der eigenen Attraktivität und wegen der Selbstoptimierung getragen werden. Im Gegensatz dazu betonen die Träger von Fussball-Motiven vor allem die "Identifikation mit dem Verein" und die "Begeisterung für Fussball". Die Fussballfans zeigen sich damit einer bestimmten (Vereins-)Gruppe zugehörig. Beliebteste Stellen für eine Tätowierung sind der Oberarm und der Rücken.

"Wir konnten mit unserer Untersuchung erstmals ein differenziertes Bild von Tätowierungen unter Fussballfans zeichnen", resümiert Hofmeister. "Einerseits stehen unsere Ergebnisse im Einklang mit der internationalen Forschung zu Body Modifications, wonach Tätowierungen als Ausdruck des Body Enhancements, also der Erhöhung der eigenen Attraktivität stehen. Für fussballspezifische Tätowierungen, also dem Vereinsemblem oder einem fussballbezogenen Schriftzug, stehen allerdings andere Motivationen. Hier geht es darum, das Gruppengefühl zu stärken, sich gegen äussere Einflüsse zu schützen und das "Ich" durch Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu erhöhen", erklärt der Psychologe.

"Zudem erscheint ein weiteres Ergebnis interessant", führt Hofmeister aus. "Tätowierungen sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, das ist hinlänglich bekannt und wird durch unsere Untersuchung noch einmal bestätigt. Dennoch sind Tätowierte weiterhin Ausgrenzungen ausgesetzt. So haben etwa ein Fünftel aller Tätowierten und mehr als ein Drittel der Tätowierten mit Fussball-Tattoos bereits Stigmatisierungen erfahren, die von abwertenden Blicken bis zu körperlicher Gewalt reichen. Nicht Tätowierte schätzen Tätowierte zudem als weniger attraktiv, weniger sympathisch, humorlos, nicht vertrauenswürdig und unzugänglich ein."

Die Daten für die Untersuchung gewann Hofmeister in einer Online-Umfrage in 44 Fussballfanforen und anschliessenden qualitativen s. Die Fussballfans, ob mit oder ohne Tätowierung, wurden entsprechend eines Alters-, Geschlechts-, Tattoo, Fussball-Tattoo und Gruppenzugehörigkeits-Matchings befragt. Insgesamt nahmen 1.204 Personen an der Untersuchung teil, in die Auswertung wurden die Daten von 867 Personen eingeschlossen. Der Altersdurchschnitt lag bei rund 37 Jahren. Mit 86,5 Prozent haben deutlich mehr Männer als Frauen teilgenommen, was an dem geschlechtsspezifisch unterschiedlichem Interesse an Fussball zu erklären ist.

Mittlerweile sind Tätowierungen allgegenwärtig bei Schauspielern, Sportlern, Musikern ebenso wie in der sogenannten Normalbevölkerung. Jüngsten Untersuchungen zufolge tragen etwa ein Drittel der jungen Erwachsenen diese Art von Körperschmuck. Dahinter liegt ein grosser gesellschaftlicher Wandel der Bedeutung von Tätowierungen in den vergangenen 20 Jahren. Während Tattoos im 20. Jahrhundert lange Zeit als Zeichen der Zugehörigkeit zu bestimmten Subkulturen waren und aus Gründen der Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft getragen wurden, hat sich inzwischen ein grosser Bedeutungswandel vollzogen. Internationale Studien zeigen: Heute werden Tätowierungen vorzugsweise als Ausdruck der Individualität und Betonung der eigenen Attraktivität getragen. Bei den Fussballfans mit fussballbezogenen Tätowierungen steht nicht die eigene Individualität im Vordergrund, sondern die Vereinszugehörigkeit und das Interesse für Fussball.

Die wissenschaftliche Untersuchung vom Psychologen Dirk Hofmeister ist kürzlich in der Publikation "Ultras. Eine Fankultur im Spannungsfeld unterschiedlicher Subkulturen" im Transcript-Verlag erschienenen. Herausgeber: Gabriel Duttler und Boris Haigis.
http://www.transcript-verl­ag.de/978-­3-8376-306­0-2/ultras

Eine Grafik (Statistik) zur Studie kann bei Dirk Hofmeister oder der Universitätskommunikation unter presse [a] uni-leipzig (p) de angefragt werden.

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