Politische Kartographie im Mittelalter

Politische Kartographie im Mittelalter

Bis in die Gegenwart spielen Karten bei der Visualisierung raumpolitischer Interessen eine wichtige Rolle. Sie repräsentieren politische Entitäten, reflektieren die räumlichen Bedingungen von Politik und dienen der Inszenierung von Machthabern. Welche Rolle kam Karten im Mittelalter zu, in der die Territorienbildung noch nicht abgeschlossen war und auch eine koordinatengebundene Darstellung noch nicht möglich war? 

Karten als Instrument von Herrschaftsausübung? In der Tat wurden koloniale und nationale Kartierungen im späten Mittelalter als staatliche Machtinstrumente gebraucht. Forschende der Universität Zürich untersuchen nun die Rolle kartographischer Darstellungen bei der Zurschaustellung politischer Absichten und Herrschaftsausübung im mittelalterlichen Reich. Analysiert werden zum einen Produktion und Erscheinungsformen von Karten im herrschaftlichen Umfeld, zum anderen wird analysiert, in welcher Weise Kartenbilder politische Interessen spiegeln bevor die koordinatengebundene Darstellung üblich wurde. Ein dritter Aspekt betrifft das mittelalterliche Wissen um die Möglichkeiten kartographischer Aufzeichnung, das Voraussetzung für jegliche Form ihrer politischen Nutzung ist.

Erste kartographische Darstellung der Eidgenossenschaft

Ein schönes Beispiel hierfür ist die erste kartographische Darstellung der Eidgenossenschaft. Albrecht von Bonstetten, Dekan des Klosters Einsiedeln, zeichnete 1480 die erste Karte der Eidgenossenschaft, erschienen in seiner Beschreibung der damaligen Schweiz "Superioris Germaniae Confoederationis Descriptio". Auf den ersten Blick zeigt die Karte wenig: drei von einem Streifen Land und einem blauen Meeresband umgebene Berge. Beschriftet ist die Karte mit den vier Himmelrichtungen (Oriens, Meridies, Occidens, Septentrio), den acht damals die Eidgenossenschaft bildenden Orten (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Glarus, Zürich, Zug, Bern) sowie der Rigi (Regina mons). Auch wenn die Orte aus heutiger Sicht geographisch korrekt wiedergegeben sind, so schien die Aussagekraft der Karte doch gering zu sein. Die Darstellung wirkt an der modernen Kartographie gemessen reichlich unbeholfen.

Junges politisches Gebilde legitimieren
Martina Stercken von der Universität Zürich zeigt, wie der Dekan von Einsiedeln das heterogene Gebilde der Eidgenossenschaft, die kurz zuvor in den Burgunderkriegen einen spektakulären Erfolg errungen hatte, als politisch einheitlichen Raum in Szene setzt und etabliert, ja ihr einen Platz in der Welt- und Heilsordnung gibt. Zu diesem Zweck knüpft Bonstetten an die Tradition der hoch- und spätmittelalterlichen Weltkarten (mappae mundi) an. Diese stellen die bewohnte Welt als Kreis dar, dessen Mitte Jerusalem bildet, das Zentrum der Christenheit. Indem Bonstetten Jerusalem durch die dreigipflige Rigi, die Königin der Berge, und die Welt durch die Eidgenossenschaft ersetzt, verleiht er letzterer eine heilsgeschichtliche Dimension: Ihre Existenz ist offenbar gottgewollt.

Europäischen Machthabern gewidmet

Bonstetten richtete seine heilsgeschichtliche Deutung an die auswärtigen Mächte. Er widmete seine Landesbeschreibung zum Beispiel dem König von Frankreich, um diesem die Eidgenossenschaft als politische Grösse zu präsentieren. Eine deutsche Version der Karte entstand erst 1485 auf Druck der eidgenössischen Orte, die über das nach aussen vermittelte Bild ihres Bundes informiert sein wollten.

Kontakt

Martina Stercken, Tel:  0041-(0)44-634 5116, Email: stercken at hist.uzh.ch

Abbildungslegende

Die erste kartographische Darstellung des Gebiets der Eidgenossenschaft, Albrecht von Bonstetten, 1479/80 (Paris, Bibliothèque nationale de France, Ms. Lat. 5656, fol. 8)


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