Zwischen Konflikt und Versöhnung: Bildungswissenschaften debattieren über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen

Die Reihe ,,Transfer: Education - Society - Science (TESS)" will Forschung und Praxis zusammenbringen und Raum für Diskussionen und Austausch über gesellschaftliche Themen bieten

Klimawandel, Coronapandemie und Impfskeptizismus sind drei Beispiele für brandaktuelle, kontrovers diskutierte Themen. Sie alle bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. ,,Solche ,Socio-Scientific Issues’ bieten ein unglaubliches Konflikt-, aber auch Versöhnungspotenzial - und haben eine riesige Relevanz dafür, wie wir zusammenleben", sagt Anna Beniermann, Postdoktorandin am Institut für Biologie in der Fachdidaktik und Lehr-/Lernforschung Biologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gemeinsam mit der Biologiedidaktik-Professorin Annette Upmeier zu Belzen sowie Kolleginnen und Kollegen aus den Erziehungswissenschaften hat Beniermann die Veranstaltungsreihe ,,Transfer: Education - Society - Science (TESS)" initiiert. Damit reagieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen - und wollen sie aus bildungswissenschaftlicher Sicht beleuchten.

Die Reihe hat mit einem Online-Vortrag über Zoom begonnen, grundsätzlich ist das Format jedoch offen. ,,Das soll eine Veranstaltungsreihe sein, die sich weiterentwickeln kann", sagt Anna Beniermann. 

Angesprochen wird ein breites Publikum: Forschende aus dem Bildungsbereich sowie Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis, beispielsweise aus der Wissenschaftskommunikation, aus pädagogischen Einrichtungen, Stiftungen, von Bildungsträgern sowie alle Menschen, die sich für gesellschaftliche Debatten und pädagogische Fragen interessieren. 

Auf diese Weise will das Projekt Austausch zwischen Forschung und pädagogischer Praxis ermöglichen. Neben Vorträgen sollen Podiumsdiskussionen und Debatten mit dem Publikum Teil der TESS-Veranstaltungen sein. ,,Unser Anspruch ist, etwas zu machen, das über die standardmäßige Form von wissenschaftlichen Vorträgen hinausgeht", sagt Johannes Türstig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaften.

Die TESS-Themen sind in Fachdidaktiken und den Erziehungswissenschaften verankert, aber weisen darüber hinaus. Denn die Frage, wie über Corona-Maßnahmen oder potentielle Impfpflichten diskutiert werden kann, stellt sich nicht nur in Bildungseinrichtungen.

Mit dem Bereich Bildung und Erziehung haben Kinder und Jugendliche sowieso, aber auch viele Erwachsene beruflich wie privat zu tun, sagt Severin Sales Rödel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaften. Leider laufe der Austausch zwischen den Erziehungswissenschaften und der gesellschaftlichen Realität von Bildung und Erziehung nicht immer reibungslos. ,,Die konkreten Bedarfe von Menschen, die beispielsweise in der politischen Bildungsarbeit tätig sind, finden manchmal gar keinen Weg in die wissenschaftliche Auseinandersetzung", sagt der promovierte Erziehungswissenschaftler.

Die TESS-Veranstaltungen sollen deshalb eine Plattform zum Austausch bieten. Ziel ist, dass sich die Wissenschaft gezielter an Fragen aus der Praxis orientieren kann und die Praxis von Erkenntnissen aus der Wissenschaft profitiert. 

Organisiert wird die Reihe vom Interdisziplinären Zentrum für Bildungsforschung (IZBF) in Zusammenarbeit mit der Professional School of Education (PSE) und dem ProMINT-Kolleg an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Zweiter Vortrag am 9. Dezember 2021

Den Auftakt der Reihe bildete Mitte November ein Vortrag von Sibel Erduran, Professorin für naturwissenschaftliche Bildung an der University of Oxford. Sie sprach über Argumentationen in naturwissenschaftlichen Fächern und im Religionsunterricht. 

Im zweiten Vortrag am 9. Dezember mit Dana Zeidler, Professor für naturwissenschaftliche Bildung an der University of South Florida, geht es um Socio-Scientific Issues und die Frage, wie man bei kontroversen gesellschaftlichen Debatten in Bildungskontexten die Aufgeschlossenheit gegenüber verschiedenen Perspektiven fördern kann.

Im zweiten Veranstaltungsblock, der für März und April 2022 geplant ist, soll es um die Rolle und Idee der Universität in der modernen Gesellschaft gehen. Gerade die Bildungsund Erziehungswissenschaften blickten auf eine lange Tradition der Auseinandersetzung mit der Frage zurück, wie der Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gelingen kann, sagt Johannes Türstig. ,,Es war bei Humboldt eigentlich schon klar, dass die Universität eine öffentliche Bildungsinstitution ist, also das Gegenteil von einem Elfenbeinturm, in dem Akademikerinnen und Akademiker vor sich hinforschen." Unter anderem wird Jan Masschelein, Professor am Laboratory for Education and Society der KU Leuven am Beispiel der universitären Lehre über pädagogische Formen sprechen, die es für ein öffentliches und kollektives Studium braucht. Es geht dabei um die Frage, wie sich angesichts einer digitalen Infrastruktur neue Möglichkeiten für den Austausch mit der öffentlichkeit bieten können, sagt Martin Weber-Spanknebel, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaften. 

Im dritten Block der TESS-Reihe, der für Sommer 2022 geplant ist und von Severin Sales Rödel organisiert wird, soll es um Wissenschaftsfreiheit und die Frage gehen, welche Rolle die Wissenschaft in öffentlichen, demokratischen Prozessen spielt. Die aktuelle Corona-Krise lege die Frage nahe, ob Wissenschaft Überhaupt als völlig frei und unabhängig gedacht werden kann, sagt Rödel. ,,Oder ist sie nicht immer schon von gesellschaftlichen Interessen durchdrungen?" 

Neben der Rolle politischer Bildung werden im dritten Themenblock außerdem extremistische und rechtsradikale Verlautbarungen im Bereich Erziehung und Bildung beleuchtet - und zur Debatte gestellt, wie ihnen in der erziehungswissenschaftlichen Forschung begegnet werden kann. 

Wie es danach weitergeht, ist noch offen. Für das Organisationsteam bietet TESS auch eine Möglichkeit, unterschiedliche Kommunikationsformate auszuprobieren. Eine Idee sei, den Hörsaal zu verlassen und Veranstaltungen draußen auf der Straße anzubieten, um mit vielen unterschiedlichen Menschen ins Gespräch zu kommen, sagt Anna Beniermann. 


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