"Wir tauchen in vergangene Welten ein"

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Lokaler Motor der griechischen Religion: Das Heiligtum des Poseidon auf der Inse

Lokaler Motor der griechischen Religion: Das Heiligtum des Poseidon auf der Insel Poros im Saronischen Golf markierte einen neuralgischen Punkt im dichten Geflecht religiösen Handelns im antiken Griechenland. © WWU - Hans Beck

In dem Buch ,,Localism and the Ancient Greek City-State" - auf Deutsch ,,Lokalismus und der antike griechische Stadtstaat" - spürt Hans Beck vom Seminar für Alte Geschichte dem Einfluss des Lokalen auf eine zusehends global ausgerichtete Welt des antiken Griechenlands nach. Er gibt detaillierte Einblicke in lokale Alltagswelten vom achten bis ersten Jahrhundert vor Christus. Durch die Analyse der Gegebenheiten vor Ort lässt sich das historische Verständnis dieser Epoche konkretisieren. Zudem zeigt der Altertumswissenschaftler auf, wie seine Untersuchungen in die heutige Diskussion um Globalisierung einfließen können. Kathrin Nolte sprach mit Hans Beck über seine Erkenntnisse und seinen interdisziplinären Forschungsansatz.

Warum ist der Gegensatz zwischen dem Globalen und Lokalen in der antiken griechischen Welt von Bedeutung?

Wenn wir über die griechische Welt von etwa 800 bis 100 vor Christus sprechen, stellen wir uns oft einen einheitlichen Geschichtsund Kulturraum vor. Beim genaueren Hinsehen trifft das jedoch nicht zu. Denn die griechische Geschichte wurde von vielen einzelnen Städten, manchmal kleinen Dorfgemeinden bestimmt. Mit dem sogenannten Netzwerk-Paradigma versuchte man jüngst die antike griechische Welt präziser zu beschreiben. Das Zusammenspiel zwischen der großen Vernetzung der griechischen Kultur auf der einen Seite und ihrer gelebten Tradition im Lokalen auf der anderen Seite sind entscheidend für unser Verständnis. Griechische Kultur in der Antike bedeutet immer Vielheit und lokale Divergenz.

Als Altertumswissenschaftler erarbeiten Sie detaillierte Fallstudien, die die lokalen Gegebenheiten im antiken Griechenland veranschaulichen?

Richtig, mein Team und ich sind tief in lokale Welten eingedrungen, um beispielsweise zu sehen, wie stark sich lokale Konstellationen seinerzeit auf die Menschen auswirkten. In der Vergangenheit bezog sich die Forschung meistens allein auf das politische System - also auf die Autonomie des griechischen Stadtstaats. Wir sind über diesen politisch-institutionellen Ansatz in großes Stück hinausgegangen.

Welche Beispiele haben Sie gefunden?

Ein Beispiel ist die griechische Religion, die stark von lokaler Diversität geprägt ist. Die religiösen Praktiken unterscheiden sich von Stadt zu Stadt - auch wenn nur 20 Kilometer dazwischenliegen. Natürlich gibt es einen gemeinsamen Referenzrahmen, aber die gelebte Alltagsreligion ist verschieden. Ein zweites Beispiel sind öffentliche Spektakel. Jeder kennt die Olympischen Spiele der Antike, die immer mit der griechischen Festkultur gleichgesetzt werden. Wir haben dagegen lokale Spiele wie Sportwettkämpfe, Musik und Schauspiel untersucht. Diese Feste hatten für die allermeisten Menschen ein unmittelbares Ereignispotenzial. Zu ihnen ist die gesamte Polis - die Stadtbevölkerung - gegangenen. Olympia war für viele zu weit weg.

Was ist das Besondere an Ihrem Forschungsansatz?

Das Eintauchen in vergangene lokale Lebenswelten geht nur im Tandem von sorgfältigem Quellenstudium und methodisch versierter Kategorie-Bildung. Als Historiker nutze ich dafür zunächst Literaturquellen, die sehr umfangreich aus der antiken griechischen Welt überliefert sind. Aber auch Inschriften eröffnen uns eine lokale Perspektive. Außerdem lasse ich mich von der Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen inspirieren. Die Soziologie und die dort betriebenen Forschungen zur sozialen Ordnung in Nachbarschaften ist nur ein Beispiel dafür. Diese Untersuchungen liefern uns neue Impulse für das Verständnis historischer Nachbarschaften im antiken Griechenland.

Wie können Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in die heutige Diskussion um Globalisierung, Netzwerke und Migration einfließen?

Alle reden von Globalisierung. In der Wissenschaft entstehen immer neue konzeptionelle und historisch empirische Studien zu dem Thema. Sehr viel langsamer entwickelt sich hingegen das Verständnis darüber, wie sich globale Diskurse in die lokale Welt übersetzen. Das Lokale gilt häufig als klein, provinziell und rückständig. Dabei findet bei der Umsetzung globaler Trends in das lokale Alltagsleben ein wichtiger Sinnprozess statt. Die großen Wellenbewegungen von Globalisierung und Migration schaffen vor Ort, im Lokalen, stets neue gelebte Realitäten, und diese sehen überall anders aus. Den Aspekt der lokalen Sinnstiftung empfinde ich in der heutigen Diskussion als ganz wichtig.

Sie setzen Ihre Arbeit unter anderem am Exzellenzcluster ,,Religion und Politik" fort. Was untersuchen Sie in Ihrem neuen Projekt?

Im Exzellenzcluster geht es um die interdisziplinäre Zusammenarbeit in den geistesund sozialwissenschaftlichen Fächern. Dadurch gelingt uns eine Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Methodik und Konzepte. In unserem neuen auf drei Jahre angelegten Projekt wollen mein Team - bestehend aus internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Nordamerika bis Australien - und ich die altgriechische Religion untersuchen, die, wie ich bereits geschildert habe, lokal sehr unterschiedlich praktiziert wurde. Dazu nehmen wir uns einen besonders spannenden und lebendigen historischen Raum vor - die Region des Saronischen Golfs am Rande der Ägäis. Dort vernetzten sich viele religiöse Knotenpunkte griechischer Religion. Am Beispiel der Saronischen Region lässt sich deshalb die lokale Umsetzung von überregionalen religiösen Systemen gut nachvollziehen. Gleichzeitig können wir erforschen, wie das Lokale auf überregionale religiöse Praktiken zurückwirkte.

Dieses Interview stammt aus der Unizeitung wissen

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