Sensible Provenienzen

Provenienzforschung in der Blumenbachschen Schädelsammlung: Asst. Tarisi Vunidil

Provenienzforschung in der Blumenbachschen Schädelsammlung: Asst. Tarisi Vunidilo, University of Hawaii, Hilo, Dr. Maximilian Chami, National Museum, Tansania, und Alma Simba, University of Dar es Salaam, Tansania. Foto: Universität Göttingen/Peter Heller

Forschungsprojekt will Wege für Rückführung menschlicher Überreste in ehemalige Kolonialgebiete eröffnen

Das Forschungsprojekt -Sensible Provenienzen- der Universität Göttingen will Wege für eine potenzielle Rückführung menschlicher Überreste in ehemalige Kolonialgebiete eröffnen. Bei einem gemeinsamen Pressetermin haben die am Projekt beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Kamerun, Tansania, Fiji und Palau, die zurzeit in Göttingen zu Gast sind, ihre Arbeit nun vorgestellt. Die Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler forschen an rund 100 der insgesamt 1.800 -human remains-, die aktuell in der Blumenbachschen Schädelsammlung und in der Sammlung der historischen Anthropologie der Universität Göttingen lagern.

Das Forschungsprojekt -Sensible Provenienzen- nimmt die Herkunft dieser sterblichen Überreste, die Umstände ihres Erwerbs, ihren Transfer und ihre Transformation zu -Wissensdingen- in akademischen Sammlungen sowie ihre Verwendung für Lehre und Forschung in den Blick. Gleichzeitig wird der Kontakt mit Akteurinnen und Akteuren in Herkunftsgesellschaften aufgebaut, um über die Existenz der Sammlungen zu informieren.

-Die Aufarbeitung unserer Göttinger Bestände leistet einen wesentlichen Beitrag zur aktuellen Diskussion über das koloniale Erbe universitärer Sammlungen-, so Universitätspräsident Metin Tolan. -Dass dies in diesem Fall auch mit Unterstützung von Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus dem globalen Süden geschieht, ist immens wichtig und freut mich sehr.-

-In der Gegenwart eröffnet jeder Schädel Einblicke in völlig unterschiedliche postkoloniale Situationen-, so die Göttinger Kulturanthropologin Regina Bendix. -Mancherorts wie etwa in Hawai-i oder in Neuseeland werden Repatriierungen von human remains schon seit Jahrzehnten gefordert und erfolgreich durchgeführt-, ergänzt Bendix. Für andere Gesellschaften sei das Wissen um Schädelsammlungen neu und stelle eine enorme Herausforderung dar: Wie genau lassen sich die Gebeine identifizieren und welche Mittel dafür sind erlaubt? Leben noch dieselben Gruppen auf dem Territorium, von wo sie einst mitgenommen wurden? Welche Art von Totenriten sind angemessen für Individuen, deren Schädel über Jahrzehnte bis Jahrhunderte als Teil einer Sammlung existierte? -In unserer Gesellschaft erzählen die Schädelsammlungen ein schwieriges Kapitel aus der verwobenen Geschichte von Wissenschaft und Kolonialismus-, so Bendix. -In Herkunftsgesellschaften rufen sie andere, zum Teil retraumatisierende Erinnerungen hervor.-


Die Vertreterinnen und Vertreter der Herkunftsgesellschaften der human remains, die sich in Göttingen aufhalten, sind eng in das Projekt eingebunden. Sie bringen unterschiedliche Interessen mit: Manche arbeiten mit historischen Methoden zur Herkunft und zu den Erwerbskontexten von bestimmten Schädeln aus den beiden Sammlungen. Andere versuchen mit kulturanthropologischen und künstlerischen Methoden die aktuellen Diskurse über menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten in Deutschland und in den Herkunftsgesellschaften aufzuarbeiten und zu reflektieren. Manche hoffen, die Rückführung der Gebeine vorzubereiten.

Im Laufe des kommenden Jahres werden Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt -Sensible Provenienzen- in einer Sonderausstellung im Forum Wissen präsentiert. An dem Projekt, das durch die Zentrale Kustodie der Universität Göttingen initiiert wurde, sind der Lehrstuhl für Neuere Geschichte, das Institut für Kulturanthropologie, das Institut für Anatomie und Embryologie sowie die Abteilung Historische Anthropologie und Humanökologie beteiligt. Es wird im Rahmen der Initiative der VolkswagenStiftung zur Provenienzforschung gefördert.

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