Mammutaufgabe im Dienste der Gerechtigkeit

Provenienzrecherchen an Beständen der ThULB werden in einer Onlineanwendung doku

Provenienzrecherchen an Beständen der ThULB werden in einer Onlineanwendung dokumentiert. Foto: Marcus Rebhan/ThULB Jena

Die Thüringer Universitätsund Landesbibliothek Jena (ThULB) stellt sich ihrer Vergangenheit und gleichzeitig einer Mammutaufgabe: Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) hat jetzt einen Fördermittelantrag bewilligt und so können die Mitar­beiterinnen und Mitarbeiter der ThULB daran gehen, Verdachtsfälle von NS-verfolgungs­be­dingt entzogenem Kulturgut aufzuspüren und deren Provenienz zu klären. Ziel der Bemühun­gen ist es, wenn immer möglich die zu Unrecht erworbenen Bücher ihrem rechtmäßigen Ei­gentümer bzw. dessen Nachfahren auszuhändigen.

Vom Zugangsbuch zur Datenbank

,,Unsere Bemühungen reihen sich ein in das Ziel, die Geschichte unserer Institution aufzuar­beiten", sagt Joachim Ott, Fachreferent für Kunstgeschichte und Musik und zugleich Leiter der Abteilung Historische Sammlungen. Heißt konkret, die NS-Zeit steht am Anfang, die Nachkriegszeit und spätere DDR-Zeit werden folgen. Doch zunächst steht die NS-Zeit im Fokus. Bibliothekarin Katrin Maria Kurlanda verdeutlicht die Dimension der Aufgabe: ,,Die vorhandenen Zugangsbücher der NS-Zeit verzeichnen bis zu 30.000 für die Sichtung auf verfolgungsbedingt entzogenes Eigentum relevante Zugänge". Gleichzeitig scheint hier ein erstes Problem auf. Wie Kurlanda sagt, seien die Zugangsbücher nicht vollständig, die Zeit­räume April 1933 bis März 1937 und Oktober 1943 bis März 1944 fehlen, was durch eine durchgehende Signaturzählung, die kurz nach der NS-Zeit vergeben wurde, kaschiert ist. Die Überlieferte Erklärung der fehlenden Bände - die Zugangsbücher seien im Frühjahr 1945 bei der Zerstörung der Bibliothek verlorengegangen - ist einer der Ausgangspunkte für vertiefte Forschungen.  

Dr. Andreas Christoph, der als Abteilungsleiter für Digitales Kulturgutund Sammlungsma­nage­ment zum Lenkungs-Team des Projektes gehört, spricht von dem Ziel, die Provenienz­forschung bestmöglich mit den Prozessen im Haus zu verbinden. Das heißt, wenn Verdachts­momente auftauchen, etwa ein Exlibris oder ein anderer Besitzer-Vermerk, soll genauer ge­schaut werden. Gemeinsam mit dem Projektmanager Stefan Lux entwickelt er einen Pro­zessablauf, um Hinweise auf den Erwerb oder die Schenkung von Büchern von Personen mit Verfolgungshintergrund, die sich in den Zugangsbüchern oder anderen Verwaltungsakten der Bibliothek finden, digital zu dokumentieren. Gesucht werde keineswegs nur nach Büchern, die einst einen jüdischen Besitzer hatten, sagt Joachim Ott: ,,Bibliotheken haben auch Be­stän­de von anderen Institutionen Übernommen, etwa Bücher von Arbeitervereinen, Gewerk­schaften oder Logen wie den Freimaurern, zusätzlich Kartenbestände und Handschriften." Nicht immer müssen diese unrechtmäßig erworben oder Übernommen worden sein, doch gelte es, die Verdachtsfälle genau zu prüfen.

Netzwerkbildung und Ansatzstellen für Citizen Science

Bei allen Anstrengungen, die Herkunft der Bücher zu klären, werden die öffentlichkeit sowie andere Institutionen in Thüringen aktiv einbezogen. So gibt es Verbindungen zum Prove­nienz­forschungsteam der Klassik Stiftung Weimar, zumal die ,,Anna Amalia Bibliothek" einst als Thüringische Landesbibliothek firmierte. Es gab sogar personelle Verflechtungen: Der Bibliotheksdirektor Theodor Lockemann leitete zeitweise sowohl die Jenaer Universitäts­bibliothek als auch die Landesbibliothek Weimar. Suchergebnisse und offene Fragen werden auf einer Projektwebsite und Fachportalen der öffentlichkeit zugänglich gemacht, sagt An­dreas Christoph: ,,Wir laden die Nutzerinnen und Nutzer der Bibliothek ein, sich an der Spu­rensuche zu beteiligen. Denn wenn möglich, sollen die zu Unrecht erworbenen Bücher ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben werden."

Das Projekt ,,ThULB//Provenance" wird mit einer Summe von 186.000 Euro vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste gefördert. Die Antragssumme beträgt 280.000 Euro, die Thü­ringer Staatskanzlei kofinanziert das Projekt, das für die Dauer von 24 Monaten bewilligt wurde. Für das Projekt wird an der ThULB eine Personalstelle Provenienzforschung ge­schaf­fen, um den Prozess wissenschaftlich zu begleiten.


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