’Jung sein in einer alternden Gesellschaft heißt in Widersprüchen aufzuwachsen’

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Karin Böllert © privat

Karin Böllert © privat

Wir leben in Deutschland in einer alternden Gesellschaft. Zukünftig wird es mehr ältere Menschen, weniger Kinder und Jugendliche, weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter sowie eine verstärkte Zuwanderung aus anderen Staaten geben. Das hat vielfältige Folgen für das gesellschaftliche Miteinander. Wie sich der demografische Wandel auf die junge Generation auswirkt, erklärt Dr. Karin Böllert, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der WWU, im Gespräch mit Kathrin Nolte.

Welche Folgen hat der demografische Wandel für die verschiedenen Generationen und ihr Miteinander?

Für das Miteinander der verschiedenen Generationen sind qualitative Betrachtungen ausschlaggebend. Nimmt man dabei die Perspektive der jüngeren Generationen ein, dann war das Verhältnis der jüngeren zu den älteren Generationen noch nie so entspannt wie heute. So zeigen beispielsweise die Daten der Jugendforschung, dass der Überwiegende Teil der jungen Menschen, die eigenen Kinder genauso erziehen möchte, wie sie selbst erzogen worden sind. Bei Sorgen und Problemen sind es bei allem Bedeutungszuwachs von Peers die Eltern, an die die jungen Menschen sich wenden wollen. Und auch die Beteiligung junger Menschen an der Demografie-Strategie des Bundes hat schon vor einigen Jahren deutlich gemacht, dass junge Menschen bereit sind, Verantwortung für die Älteren zu Übernehmen - so wie dies umgekehrt auch für die älteren Generationen gilt. Sozialstaatlich bedeutet der demografische Wandel, dass der das wohlfahrtsstaatliche Sicherungssystem prägende Generationenvertrag in seinen herkömmlichen Strukturen in dem Maße immer weniger tragfähig wird, wie das Verhältnis der im Erwerbsleben stehenden Menschen und den aus dem Erwerbsleben ausgeschiedenen Personen immer ungleicher wird.

Was heißt es, jung zu sein in einer alternden Gesellschaft?

Jung sein in einer alternden Gesellschaft heißt in Widersprüchen aufzuwachsen. Auf der einen Seite wurde Jugend in den vergangenen Jahrzehnten von der Politik kaum als eigenständige Lebensphase wahrgenommen. Gerade die Coronapandemie hat jungen Menschen sehr deutlich vor Augen geführt, dass ihre Bedürfnisse, Interessen und Probleme erst ganz allmählich eine Rolle gespielt haben. Die sich in den vergangenen Jahren herauskristallisierende eigenständige Jugendpolitik, die nicht zuletzt 2019 durch den Kabinettsbeschluss "In gemeinsamer Verantwortung: Politik für, mit und von Jugend" ihren bundespolitischen Ausdruck fand, hat sich als nicht krisenfest erwiesen.

Woran machen Sie das Versagen der Jugendpolitik fest?

Bis heute fordern junge Menschen zum Beispiel mehr Schutz gegen Corona. Mehr als 100 Schulsprecherinnen und Schulsprecher haben einen offenen Brief verfasst und unter "#WirWerdenLaut" Tausende Unterschriften von Schülerinnen und Schülern für mehr Schutz in Schulen und eine Vorbereitung auf den Herbst 2022 gewinnen können. Das Bundesnetzwerk der Interessenvertretung in der Kinderund Jugendhilfe hat ein Positionspapier verabschiedet, mit dem eine Politik gefordert wird, die sich was traut. Das Bundesjugendkuratorium betont die Dringlichkeit, zielgerichtet notwendige sozialund bildungspolitische Regulationen vorzunehmen, die systematisch und breit mit jungen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Lebenslagen und -konstellationen gemeinsam ausgestaltet werden. Dafür sind auch die soziale, emotionale und mentale Gesundheit junger Menschen in den Blick zu nehmen. Um Bildungsund Chancengerechtigkeit zu ermöglichen sowie Beteiligungsrechte zu verankern, müssen krisenfeste Bedingungen und diskriminierungsfreie Zugänge zu vielfältigen Infrastrukturen entwickelt werden, die sich an den konkreten Bedarfen junger Menschen orientieren und besonders junge Menschen in prekären Lebenslagen erreichen.

Die Herausforderungen für die junge Generation scheinen zu Überwiegen. Welche Chancen bietet der demografische Wandel für Jugendliche und junge Erwachsene?

Die meisten von ihnen werden durch den medizinischen Fortschritt bei guter Gesundheit ein Alter erreichen, von dem ihre (Ur-)Großeltern nur träumen konnten. Sie sind als Arbeitskräfte so gefragt wie noch nie und haben eine große Auswahl an Ausbildungsund Erwerbsmöglichkeiten. Der Fachkräftebedarf führt zu einer größeren Konkurrenz um qualifizierte Arbeitskräfte. Forderungen nach familienfreundlichen Arbeitsbedingungen können in dieser Situation nicht mehr bei Seite geschoben werden. Um an diesen positiven Effekten des demografischen Wandels teilhaben zu können, müssen die jungen Menschen gut (aus-)gebildet sein und sind auf Lebensbedingungen angewiesen, die nicht durch erhebliche regionale Unterschiede geprägt sind, die durch den demografischen Wandel teilweise verschärft werden. Der Abbau von Bildungsungleichheiten und die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse sind demzufolge bleibende Herausforderungen auch im demografischen Wandel.

Wie verändert sich das Verhältnis von Jung und Alt?

Die Frage möchte ich anhand von zwei aktuellen Beispielen beantworten: Mit Fridays for Future ist eine der größten Jugendbewegungen entstanden, die auch von den älteren Generationen durch Scientists for Future und Parents for Future unterstützt wird. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus dem April 2021 zur Notwendigkeit der Nachbesserung des Klimaschutzgesetzes ist betont worden, dass mit dem ursprünglichen Gesetz die Gefahren des Klimawandels auf Jahre nach 2030 und damit zulasten der jüngeren Generation verschoben würden. Damit hat das Bundesverfassungsgericht intergenerationale Gerechtigkeit ganz entscheidend in den Vordergrund gestellt und hervorgehoben, dass Artikel 20a des Grundgesetzes, mit dem der Staat in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen schützt, auch für den Klimaschutz gilt.

Der Krieg in der Ukraine fordert und belastet auch die junge Generation. Bei älteren Menschen rufen die Bilder vom Krieg in der Ukraine schmerzhafte Erinnerungen, Ängste und Sorgen hervor. Die junge Generation, die bisher keinen Krieg in Europa kannte, wird mit einem bislang unbekannten Gefühl der Ohnmacht und Bedrohung konfrontiert. Gemeinsame Gespräche können hier helfen, mit den durch den Krieg ausgelösten Belastungen und den Verlust des selbstverständlich gewordenen Aufwachsens und Lebens in Frieden umgehen zu können.

Wie wird die junge Generation an gesellschaftlichen und politischen Prozessen beteiligt?

Jugendliche und junge Erwachsene erleben Jugend nicht nur als Übergangsstadium zwischen Kindheit und Erwachsenensein. Es ist das Lebensalter, in dem die Weichen für den weiteren Lebensweg gestellt werden. Politik ist deshalb gefordert "Jugend zu ermöglichen" - so der 15. Kinderund Jugendbericht. Das Jugendalter wird gegenwärtig so stark wie noch nie durch Schule, Ausbildung und Studium geprägt. Allerdings ist Jugend mehr als eine Phase der Qualifizierung. Sie ist auch eine besondere Zeit der Selbstpositionierung und Verselbstständigung im alltäglichen Leben. Dabei müssen junge Menschen neben den gesellschaftlichen auch den eigenen Erwartungen gerecht werden. Gerade weil es mittlerweile auf allen politischen Ebenen eine große Bandbreite jugendpolitischer Aktivitäten gibt - so ist 2022 das Europäische Jahr der Jugend - muss gefragt werden, ob die Jugendpolitik tatsächlich Spiegelbild einer wirksamen Beteiligung junger Menschen ist.

Was muss geschehen, um die Mitbestimmung von jungen Menschen voranzutreiben?

Vor allem die Kommunen haben eine große jugendpolitische Verantwortung, da diese politische Ebene den jungen Menschen am nächsten ist. Vor Ort gibt es momentan die konkretesten Mitbestimmungsmöglichkeiten, hier wird Jugendpolitik erlebbar - in den Familien, den (Selbst-)Organisationen und Vereinen, in den kommunalen Gremien und durch zahlreiche Initiativen. Partizipation junger Menschen bedeutet allerdings nicht, ihnen nur zuzuhören. Wirksam wird Jugendpolitik erst dann, wenn die älteren Generationen bereit sind, (Gestaltungs-)Macht zu teilen oder sogar abzugeben. Zu einer wirksamen Jugendpolitik muss aber ebenso zählen, dass sie auch denjenigen jungen Menschen Beteiligungschancen eröffnet, die von gesellschaftlichen Ausschlüssen benachteiligt werden und bislang in jugendpolitischen Aktivitäten unterrepräsentiert sind: junge Menschen, die in Armut aufwachsen, denen Zugänge zu erfolgreichen Bildungskarrieren fehlen, junge Menschen mit einer Migrationsgeschichte und behinderte junge Menschen.

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