"Ich erreiche gerade junge Muslime im In- und Ausland"

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Thomas Bauer © EXC Religion und Politik - Wilfried Gerharz

Thomas Bauer © EXC Religion und Politik - Wilfried Gerharz

Manchmal ist es schier zum Verzweifeln. Da bemüht sich Islamwissenschaftler Thomas Bauer seit 20 Jahren um ein differenziertes Bild der islamischen Kultur, schreibt Bücher und Aufsätze, gibt Interviews und redet mit Politikern. Und was passiert? Deutschland diskutiert über „barbarische, muslimische, gruppenvergewaltigende Männerhorden“ oder darüber, ob sich AfD-Politiker mit Twitter-Beiträgen der Volksverhetzung schuldig machen.

Doch zu seinem Glück - und zum Glück für seine Forschung - neigt der Islamwissenschaftler nicht zum Verzagen. „Ich baue auf die Schlagkraft der Argumente“, sagt der 56-Jährige mit Blick auf die Wahrnehmung des Islams in Deutschland. Voreingenommenen Leuten werde er ihre - bewusst - falschen Vorstellungen nicht austreiben können. Dagegen fänden seine Darstellungen zur enormen kulturellen Vielfalt in der Tradition des Islams Gehör gerade auch bei jungen, gebildeten Muslimen im In- und Ausland, „die einen dritten Weg suchen zwischen einem starr-konservativen und einem aufgesetzt-liberalen Islam, der mit allen Traditionen brechen will“.

Zum Glück - schon wieder! - hat Bauer für seine literaturwissenschaftlich geschulte Sicht auf „eine andere Geschichte des Islams“ einen Begriff geprägt, der zum hermeneutischen Schlüssel für ein besseres Verständnis der islamischen Kultur geworden ist und in den Kultur­wissenschaften in kurzer Zeit vielfach aufgegriffen wurde: Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit oder Unfähigkeit eines Menschen oder einer Gesellschaft, „Mehrdeutigkeit auszuhalten, einander widerstreitende Werte und Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen, ohne auf die Geltung der eigenen überzeugung zu pochen“, wie Bauer erläutert.

Das Wort „Ambiguitätstoleranz“ hat Bauer aus der Psychologie auf die Ebene kultureller Mentalitäten transferiert. Ihm war in der Beschäftigung mit 1.000 Jahren islamischer Literatur und Dichtkunst aufgegangen, dass der Islam bis ins 19.Jahrhundert in allen wesentlichen Lebensbereichen - Politik und Religion, Kunst und Rechtsprechung, Familie und Sexualität - einen geradezu „lustvollen“ Umgang mit Mehrdeutigkeit und Vielfalt pflegte. Zu Verengung, Erstarrung und rigidem Dogmatismus kam es erst, als die islamischen Gesellschaften im Kontakt mit „dem Westen“ glaubten, sich mit einer eigenen Identität gegenüber dem Fremden und vermeintlich überlegenen behaupten zu müssen. „So entstand zum Beispiel die Homophobie - vermeintlich zeitloses Charakteristikum islamischer Männlichkeitsbilder - nachweislich erst als Reflex auf eine viktorianische Prüderie“, sagt Bauer. „Sie ließ in der arabischen Welt der 1830er Jahre eine mehr als tausendjährige Tradition homoerotischer Liebesdichtung verstummen.“

In seinem Buch „Die Kultur der Ambiguität“ zeichnet Bauer solche Entwicklungen und Zusammenhänge meisterhaft nach. Seine Arbeit wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 2013 mit dem Leibniz-Preis gewürdigt, Bauers Kollegen am Exzellenz­cluster sehen in ihr einen der wichtigsten Impulse des Forschungsverbunds für die breitenwirksame gesellschaftliche Auseinandersetzung.

Bauer selbst, so scheint es, hat Gefallen am Leben in vieldeutigen Bezügen. „Er ist der Künstler unter unseren Professoren“, scherzt Viola van Melis, Leiterin des Zentrums für Wissenschaftskommunikation am Exzellenzcluster. Er lebt nicht nur für klassisch-arabische Literatur, sondern auch für Münzen und die Musik. Dass er in Münster schon mehrere Liederabende und eine Reihe „Musik und Religion“ initiiert hat, bereitet ihm beim Erzählen hörbar Vergnügen. „Das ist meine List als Islamwissenschaftler“, sagt Bauer, der 2012 in die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste aufgenommen wurde. Neben vielen Vortragsreisen tragen Besuche in allen wichtigen Opernhäusern der Republik wesentlich zu Bauers üppig gefülltem Bonuspunkte-Konto bei der Deutschen Bahn bei. Allein zwölf Musiktheater, hat der gebürtige Nürnberger festgestellt, lassen sich von Münster aus für einen Vorstellungsbesuch ohne anschließende übernachtung erreichen.

Nun zeugt unter anderem das Opern-Repertoire seit dem ausgehenden 18.Jahrhundert von konstruierten, pittoresken oder auch überheblich-diskriminierenden Vorstellungen im „Abendland“ über „den Orient“, „die Muselmanen“ und ihre Kultur. Osmin und Bassa Selim in Mozarts „Entführung aus dem Serail“, Haremsdamen, Eunuchen und Janitscharen-Chöre, Kaffee-Kantate und Rondo alla turca - hält einer wie Bauer, der es so viel besser weiß als Librettisten und Komponisten, das alles aus? Kein Problem, sagt er und lacht. Peter Cornelius’ „Barbier von Bagdad“ sei sogar sein Liebling unter den Genre-Opern - mit einem Stoff aus Tausendundeine Nacht. Bauer hat das Werk, „wohl die zerrbildfreieste Orient-Oper überhaupt“, jüngst sogar für einen einschlägigen Führer besprochen.

m Wandel von Klischees und (Feind-)Bildern steckt für Bauer auch die Hoffnung, mit Geduld und Beharrlich­keit überzeugungsarbeit zu leisten - und nicht nur die Mehrheitsgesellschaft, sondern auch die Muslime selbst über den Reichtum ihrer Tradition aufklären zu können. Erste institutionelle Anläufe unternahm er 2002, zwei Jahre nach seiner Berufung an die WWU Münster, mit der Gründung des „Centrums für Religiöse Studien“, dessen Direktor er bis 2005 war und das zu den Ausgangspunkten des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ gehörte. Auch das Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der WWU ist kontinuierlich gewachsen, seit Bauer 2000 Direktor wurde. Ebenso galt seine Unterstützung dem Aufbau des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität.

Eine andere Form der Aufklärung über die kulturelle Vielfalt im Islam ist eines seiner weiteren Projekte in Münster. Bauer und sein Team arbeiten an einer Werkedition des überaus populären Dichters der Mamluken-Zeit, Ibrahim al-Mi‘mar (gestorben 1348). Dessen „Diwan“, eine Sammlung hocherotischer, sinnlicher, lebenspraller Gedichte, sei heute im arabischen Raum selbst völlig unbekannt und könnte dort nach Bauers überzeugung „in keinem einzigen Land erscheinen, Tunesien vielleicht ausgenommen“. Die Aufgabe besteht im textkritischen Vergleich der überlieferten Handschriften sowie im Kommentar.

Mit Leidenschaft begleitet Bauer auch aktuelle gesell­schaftliche Entwicklungen. Eine seiner Diagnosen: der zunehmende Verlust an Ambiguitätstoleranz in allen Lebensbereichen - bis hin zur Kunst. Der Vorwurf, die Geisteswissenschaftler hätten ihre einstige Funktion als „Public Intellectuals“ preisgegeben, wurmt Bauer. Umso stärker setzt er sich mit dem Exzellenzcluster für die Wissenschaftskommunikation der Geisteswissenschaften ein. Wo immer sich ihm Gelegenheit bietet, gibt er seine Expertise weiter. Dass Thomas Bauer etwas zu sagen hat, noch dazu anschaulich, verständlich und humorvoll, hat sich in Akademien und Medienhäusern längst herum­gesprochen.

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