’Es fehlt an mutigen Lösungen’

Zahlreiche Branchen suchen geradezu verzweifelt nach Arbeitskräften. Wissenschaftler des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung sehen nur einen Ausweg: eine jährliche Nettozuwanderung von 400.000 Personen. Ohne eine gezielte Einwanderungsstrategie würde aufgrund des fortschreitenden demografischen Wandels die Zahl der Arbeitskräfte bis 2035 um 7,2 Millionen sinken. In Deutschland sterben seit 1972 jährlich mehr Menschen als Kinder geboren werden. Nicht nur das Arbeitskräfteangebot droht abzunehmen, ohne den Ausgleich der negativen Bevölkerungsbilanz durch Zuwanderung würde die Bevölkerung in Deutschland bereits seit 50 Jahren schrumpfen.

"Der demografische Wandel wird die Voraussetzungen für die Entwicklung von Wohlstand und Lebensqualität in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in Deutschland deutlich verändern. Unsere Gesellschaft wird älter und - zumindest auf lange Sicht - wahrscheinlich zahlenmäßig kleiner. Zudem wird sie vielfältiger werden, unter anderem durch Zuwanderung", bilanziert das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat in seinem Bericht "Demografiepolitik im Querschnitt" zum Ende der 19. Legislaturperiode im Oktober 2021. Während frühere Vorausberechnungen einen Rückgang der Bevölkerung prognostizierten, haben sich einige demografische Parameter seit den 1990er-Jahren anders entwickelt als erwartet. Vor allem der starke Zuzug von Arbeitskräften aus EU-Ländern und Menschen aus Krisenregionen führte seit 2011 dazu, dass aktuell 83,2 Millionen Menschen in Deutschland leben - mehr als jemals zuvor.

Allerdings werden regionale Unterschiede die demografische Entwicklung beeinflussen. In der Studie "Die demografische Lage der Nation" konstatiert das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, dass einige Regionen bis zum Jahr 2035 vom demografischen Wandel profitieren, andere hingegen mit beträchtlichen Herausforderungen konfrontiert sein werden. "Alle fünf ostdeutschen Flächenländer haben zum Teil mit erheblichen Bevölkerungsverlusten zu rechnen. Auch periphere ländliche Räume im Westen sowie strukturschwache ehemalige Industriestandorte im Ruhrgebiet und im Saarland werden Einwohner verlieren", prophezeien die Experten. "Die heute schon attraktiven Städte in Ost und West hingegen, von Hamburg über Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main bis München, können sich auf Zugewinne einstellen, insbesondere von jungen Menschen und Berufseinsteigern. In den ostdeutschen Bundesländern finden sich sowohl die am stärksten schrumpfenden Kreise wie auch die am schnellsten wachsende Stadt."

Bis 2035 werden sich demnach auch die verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich entwickeln. Bei den unter 20-Jährigen sei ein leichter Zuwachs wegen der hohen Zuwanderung und der seit 2012 leicht gestiegenen Geburtenrate zu erwarten. Den stärksten demografischen Einbruch wird es den Prognosen zufolge bei den 20- bis 64-Jährigen geben, also der klassischen Erwerbsbevölkerung, weil sich bis 2035 die Babyboom-Generation - die Jahrgänge von 1955 bis 1970 - in den Ruhestand verabschieden werden. Der größte Bevölkerungszugewinn werde demnach in der Altersgruppe 65 plus zu verzeichnen sein.

Die Folgen der demografischen Entwicklung kann die Gesellschaft für sich nutzen: "Wir sollten nicht nur das Negative sehen, sondern auch die Chancen wie die altersgemischte Vielfalt als Ressource für Innovation und Kreativität, das Nutzen der Erfahrungen älterer Berufstätiger, Flexibilisierung von Arbeitsbedingungen und -zeiten, die Verbesserung des Gesundheitsschutzes durch eine alternsgerechte Arbeitsgestaltung sowie ein längeres und selbstbestimmteres Leben in den Blick nehmen. Es gilt realistische Zukunftskonzepte zu entwickeln", erläutert Dr. Guido Hertel, Professor für Organisationsund Wirtschaftspsychologie an der WWU. "Die Lebensentwürfe müssen sich den Herausforderungen anpassen. Es fehlt an mutigen Lösungen."

Obwohl die Weltbevölkerung derzeit wächst, werden sich rückläufige Bevölkerungszahlen langfristig als globale Herausforderung erweisen. Aktuelle Bevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen verdeutlichen, dass sich unter den Ländern, die Geburtenüberschüsse erzielen, aber in absehbarer Zeit negative natürliche Salden verzeichnen werden, auch bevölkerungsreiche Länder wie China und Brasilien befinden.

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen

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