ERC Consolidator Grant für Historikerin der Freien Universität Berlin

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Europäischer Forschungsrat fördert Dr. Jana Tschurenev mit fast 2 Millionen Euro

Der Europäische Forschungsrat (ERC) fördert ein neues Forschungsprojekt der Historikerin Dr. Jana Tschurenev mit einem hochdotierten ERC Consolidator Grant. Für ihr auf fünf Jahre angelegtes Projekt ,,Democratising the Family? Gender Equality, Parental Rights, and Child Welfare in Contemporary Global History" (DEMFAM) erhält die Forscherin der Freien Universität Berlin über 1,99 Millionen Euro. Die aus vier Mitarbeitenden bestehende Projektgruppe untersucht den globalen Wandel von Elternschaft und Familie in der Epoche nach dem Ende des 2. Weltkrieg und der Auflösung der europäischen Kolonialreiche.

,,Einige Soziologinnen und Soziologen sprechen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts von einer Demokratisierung der Familie in westeuropäischen Gesellschaften. Können wir diese These auch für andere politische und geographische Räume aufwerfen? Wie lässt sie sich transnational-vergleichend empirisch untersuchen?" So beschreibt Jana Tschurenev die zentrale Fragestellung ihres Projekts. DEMFAM beschäftigt sich nicht nur mit Demokratisierungstendenzen in familiären Beziehungen (wie die rechtliche Gleichstellung der Eltern innerhalb und außerhalb der Ehe und die Stärkung von Kinderrechten), sondern auch mit autoritären, illiberalen Gegentendenzen in politischen Auseinandersetzungen um die Rechte von Eltern im Verhältnis zueinander, ihren Kindern und dem Staat.

Ausgangspunkt des Projekts, so Jana Tschurenev, war die Beobachtung erstaunlicher Parallelen in aktuellen familienrechtlichen Reformen innerhalb der EU und in anderen Ländern. Sowohl in Deutschland als auch in Indien wird seit Beginn des 21. Jahrhunderts über die Ausgestaltung des gemeinsamen Sorgerechts nicht-verheirateter, getrenntlebender Eltern diskutiert. Transnationale zivilgesellschaftliche Organisationen setzten sich dabei für das sogenannte Wechselmodell (auch: paritätische Doppelresidenz) ein - Kinder sollen sich zu gleichen Teilen in den Haushalten beider Elternteile aufhalten. Dabei kommt ein historisch neues Ideal der gemeinsamen, gleichberechtigten Elternschaft zum Ausdruck, das sich fundamental von früheren hierarchischen Familienordnungen und einer klaren geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung unterscheidet: beide Eltern sollen, unabhängig von ihrem Verhältnis zueinander, gleichermaßen die praktische Sorge für ihre Kinder Übernehmen.

Dies ist jedoch ein umstrittenes Ideal, das mit der Entwicklung neuer individueller und gesellschaftlicher Konfliktpotentiale einhergeht. So ist es kein Zufall, dass das elterliche Sorgerecht zum Bezugspunkt diverser geschlechterund gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen wurde: was bedeutet Elternschaft und Familie in verschiedenen nationalen, kulturellen und religiösen Gemeinschaftsentwürfen? Wie können allgemeine Regelungen auf die Diversität und Pluralisierung von (post-)familiären Sorgebeziehungen reagieren?

DEMFAM untersucht die Herausbildung dieser Konfliktfelder im Sinne einer globalen Geschichte der Gegenwart. Das Projekt analysiert umstrittene familienrechtliche Reformprozesse auf unterschiedlichen politischen Ebenen. Es verbindet regionale Vergleichsstudien zu Neuregelungen im Sorgeund Kindschaftsrecht in Westund Osteuropa (Großbritannien, BRD, DDR, Polen) und Südasien (Indien) mit der Analyse von Debatten im Umfeld internationaler Institutionen (UN, Europarat, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) und transnationaler Wissenszirkulation. Indem es Entwicklungen in westeuropäischen, (post-)sozialistischen und postkolonialen Gesellschaften in Bezug setzt, leistet das Projekt einen entscheidenden Beitrag zur Globalgeschichte von Geschlecht, Kindheit und Familie.

Seit Dezember 2023 ist Jana Tschurenev Mitarbeiterin am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, im Bereich Global History. Ihr Forschungsinteresse ist der Wandel von Bildung, Sorge, Geschlecht und Familie vom späten 18.Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bevor sie mit ihrem Projekt an die FU kam, arbeitete Jana Tschurenev unter anderem als Vertretungsprofessorin für moderne indische Geschichte am Centre for Modern Indian Studies (CeMIS) der Universität Göttingen (2023), als Mitglied der Projektleitung der interdisziplinären transnationalen Forschergruppe ,,Bildung und Armut in Indien" - einem Projekt der Max-Weber-Stiftung (2014-2017) und als Dozentin für Globalgeschichte an der ETH Zürich (2009-2013). Zudem war sie Forschungsstipendiatin am IGK ,,Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive (re:work)", Berlin und am M.S. Merian- R. Tagore International Centre for Advanced Studies ,,Metamorphoses of the Political" (ICAS:MP), Delhi. Zu ihren wichtigsten Publikationen gehören die Monografie Empire, Civil Society and the Beginnings of Colonial Education in India (Cambridge University Press, 2019) und der Band Biopolitik und Sittlichkeitsreform. Kampagnen gegen Alkohol, Drogen und Prostitution, 1880-1950 (Campus, 2014, hrsg. mit J. Große und F. Spöring).

Das wissenschaftliche Ethos der Freien Universität Berlin wird seit ihrer Gründung im Dezember 1948 von drei Werten bestimmt: Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit.