Eine Frage der Solidarität: Kulturelles Erbe in Südasien

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Versunkene Paläste, wiederentdeckte Tanztraditionen, umstrittene Tempelanlagen: Kulturerbe in Südasien hat verschiedene Gesichter und wird von unterschiedlichen Kräften in Gesellschaft und Politik geformt. Um insbesondere in der Grenzregion von Indien und Nepal zu untersuchen, weshalb und unter welchen Bedingungen sich Menschen für ihr materielles und immaterielles kulturelles Erbe einsetzen, es neu erschaffen oder sogar zerstören, erhält ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Christiane Brosius vom Heidelberg Centre for Transcultural Studies (HCTS) der Universität Heidelberg eine vierjährige Projektförderung. Die Fördermittel in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro werden aus dem Riksbankens Jubileumsfond zur Verfügung gestellt.

,,In Südasien treffen unterschiedliche religiöse Bräuche, sozio-kulturelle Hierarchien und teilweise gegenläufige Entwürfe von Nationalität und Ethnizität aufeinander. Das kulturelle Erbe der Region wird hier auf ganz unterschiedlichen Ebenen sehr dynamisch und auch kontrovers verhandelt, steht es doch oft im Mittelpunkt - und nicht am Rande - von gesellschaftlichem und politischem Wandel. Dabei entstehen auch neue Solidargemeinschaften, die sich über soziale oder religiöse Grenzen verbinden, um gemeinsam zu handeln", erläutert Christiane Brosius, Professorin für Visuelle und Medienanthropologie am HCTS sowie Sprecherin der Flagship-Initiative ,,Transforming Cultural Heritage" an der Universität Heidelberg.

Die groß angelegte Studie umfasst Teilprojekte in acht kulturell wie historisch miteinander verbundenen Städten im Grenzgebiet zwischen Indien und Nepal. Wie unter anderem der Umgang mit den kulturellen Zeugnissen der Vergangenheit zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Region beiträgt, wird Prof. Brosius gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der School of Oriental and African Studies in London (Großbritannien), der South Asian University in Neu-Delhi (Indien) und des Social Science Baha in Kathmandu (Nepal) erforschen.

Die Forscher werden sich dem Themenkomplex des kulturellen Erbes unter dem Gesichtspunkt der ,,sozialen Verräumlichung", des sogenannten ,,Placemaking" annähern. ,,Wir betrachten den Einsatz für das kulturellere Erbe als einen gemeinschaftlichen Akt der Ortsproduktion, der sowohl eine physische als auch eine zeitliche und ideelle Komponente umfasst. Es geht nicht nur darum, konkrete, gemeinsam genutzte Orte zu gestalten, sondern vielmehr auch darum, eine gemeinschaftsund identitätsstiftende Vorstellung von solchen Räumen und einer Zukunft darin zu entwickeln", betont Brosius. Indem das internationale Forscherteam die sich ändernden Machtgefüge in Praxis und Vorstellung untersucht, die solchen Orten Bedeutung verleihen, will es zu einem besseren Verständnis von kulturellem Erbe auch jenseits oft eurozentristischer Konzepte von Authentizität beitragen.

In ihren jeweiligen Projekten werden sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem mit der Frage beschäftigen, welche Rolle Dekolonisierung, Solidarität und Bürokratie bei der gesellschaftlichen und ideologischen Verhandlung von kulturellem Erbe in der Region spielen. Wer besitzt die Deutungshoheit darüber und wie entscheidet sich, ob diesem Erbe eine globale Bedeutung beigemessen wird? Wie solidarisieren sich unterschiedliche gesellschaftliche und politische Gruppierungen, um Kulturerbe zu pflegen - auch über nationale Grenzen hinweg? Die Forscher wollen dabei auch herausfinden, wie sich bürokratische Interventionen und internationales Engagement auf lokale kulturelle Narrative auswirken und welche kulturellen Zeugnisse der Vergangenheit Eingang in die Geschichtsschreibung finden - oder eben daraus getilgt werden.

Das Projekt ,,Heritage as Placemaking: The Politics of Solidarity and Erasure in South Asia" ist eines von acht kollaborativen Forschungsvorhaben, die im Rahmen der Ausschreibung ,,Globale Herausforderungen - Integration unterschiedlicher Perspektiven zu Erbe und Wandel" gefördert werden. Die Fördermittel stammen aus dem schwedischen Riksbankens Jubileumsfond, der italienischen Fondazione Compagnia di San Paolo und der VolkswagenStiftung. Mit insgesamt elf Millionen Euro werden Forschungsprojekte unterstützt, die sich unter Einbeziehung von internationalen Partnern aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Blickwinkeln mit den Auswirkungen globaler Veränderungen auf Kultur und kulturelles Erbe beschäftigen.


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