,,Digitalisierung muss in den Dienst der Nachhaltigkeit gestellt werden"

Sabine Schlacke © WWU - Peter Grewer

Sabine Schlacke © WWU - Peter Grewer

Unter dem Titel ,,Unsere gemeinsame digitale Zukunft" hat der ,,Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" (WBGU) der Bundesregierung heute (11. April) in Berlin sein neues Gutachten übergeben. Darin machen die Wissenschaftler deutlich, dass Nachhaltigkeitsstrategien im digitalen Zeitalter grundlegend weiterentwickelt werden sollten. Juliane Albrecht sprach mit Sabine Schlacke, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Umweltund Planungsrecht an der WWU und Co-Vorsitzende des Beirats, über die Hintergründe und Inhalte des Positionspapieres.

Was hat den Beirat dazu bewogen, speziell das Thema Digitalisierung zu thematisieren?

Der WBGU beobachtet seit längerem eine Beschleunigung der Globalisierung der Wirtschaft, die negative Auswirkungen auf die Umwelt und insbesondere das Klima hat. Die Digitalisierung ist ein wesentlicher Treiber dieser Prozesse und führt zusätzlich zu steigenden Abfallmengen sowie Energieund Ressourcenverbrauch. Bislang findet diesbezüglich kaum eine Regulierung durch nationales, durch Umweltoder durch das Völkerrecht statt. Die Vereinten Nationen haben sich mit der Agenda 2030 und ihren 17 Nachhaltigkeitszielen eine weltweite Transformation zur Nachhaltigkeit zu ihrer Aufgabe gemacht. Welche Funktion der Digitalisierung hierbei zukommt, ist bislang kaum untersucht...

...der Begriff Digitalisierung kommt in der Agenda 2030 nicht mal vor.

Richtig. Ebenso wie die im sogenannten Pariser Übereinkommen festgelegten Klimaschutzziele, die auf der letzten UN-Klimakonferenz beschlossen wurden, sind diese globalen Ziele außerordentlich ehrgeizig und verlangen beispielsweise eine komplette Dekarbonisierung der Weltwirtschaft vor 2050. Die Digitalisierung treibt die Wirtschaft gerade in die genau andere Richtung. Das muss sich ändern. Die Digitalisierung muss in den Dienst der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes gestellt werden.

Welche sind die aus Ihrer Sicht wichtigsten Ansatzpunkte, damit der digitale Wandel nicht - wie es im Bericht heißt - die Schädigung von Umwelt und Klima beschleunigt?

Tatsächlich birgt die Digitalisierung nicht unerhebliche Risiken für die Umwelt und insbesondere das Klima. In 21 Analysen - beispielsweise zum Elektroschrott und zum Onlinehandel - untersuchen wir Risiken und Chancen der Digitalisierung für eine Transformation zur Nachhaltigkeit. In einigen Bereichen kommen wir zu dem Ergebnis, dass die Digitalisierung, richtig eingesetzt, zur Förderung nachhaltiger Entwicklung beitragen kann.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

In der Landwirtschaft kann die Digitalisierung etwa durch einen präziseren Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden den negativen Trends einer industriellen Landwirtschaft entgegenwirken. In Entwicklungsländern, deren Landwirtschaft von Kleinbauern mit einer Fläche von weniger als zwei Hektar geprägt ist, kann die Digitalisierung dagegen zu einem verbesserten Zugang zu Informationen, Beratung und Bildung der Kleinbauern führen. Es bleiben aber grundlegende Probleme, die durch die Digitalisierung kaum zu lösen sind: der mangelnde Zugang zu Land, keine Sicherung der Rechte an der Landnutzung, mangelnder Zugang zu Wasser, Energie, Kapital, Düngemitteln und Saatgut sowie Märkten.

Auf welche Weise kann und sollte man Digitalisierung nachhaltig betreiben?

Der WBGU ist der Auffassung, dass Nachhaltigkeit im digitalen Zeitalter weit gefasst werden muss. Zwei Orientierungspunkte müssen miteinander verknüpft werden: die Einbettung der digitalen Revolution in eine Strategie nachhaltiger Entwicklung und die immer stärker gefährdete Würde des Menschen. Wir schlagen daher zum einen Maßnahmen zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen vor, wie zum Beispiel die Digitalisierung zum Monitoring von Schädigungen natürlicher Lebensgrundlagen, etwa der Ökosysteme, zu nutzen und Digitalisierung zum Umstieg auf erneuerbare Energien einzusetzen. Digitalisierung kann durch weltweite virtuelle Vernetzung zudem das Entstehen eines weltweiten gemeinsamen Bewusstseins für unsere natürlichen Lebensgrundlagen begünstigen - wir nennen das ,Welt(Umwelt)bewusstseins’.

Das setzt aber voraus, dass möglichst alle Menschen in die Lage versetzt werden, sich neutral und umfassend zu informieren, frei zu entscheiden und sich mit anderen zusammenzuschließen, oder?

Völlig richtig. Und es setzt insbesondere den Schutz der individuellen Privatsphäre und informationeller Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter voraus. Schon jetzt mehren sich indes die Anzeichen dafür, dass Staaten sich von der Wucht der Digitalisierung quasi überrollt und hilflos fühlen. Im Sinne der Entwicklung einer robusten Global Governance schlägt der WBGU vor, 30 Jahre nach dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro einen Gipfel ,Nachhaltigkeit im digitalen Zeitalter’ zu initiieren, der die Entwicklung einer Charta, zu der wir einen Vorschlag unterbreiten und weitere institutionelle Stärkungen wie etwa die Entwicklung einer Rahmenkonvention für digitale Nachhaltigkeit und nachhaltige Digitalisierung zu diskutieren.

Der WBGU

Der Beirat mit neun Mitgliedern wird vom Bundeskabinett auf Vorschlag der Minister für Bildung und Forschung sowie Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit für die Dauer von vier Jahren berufen. Die beiden Ministerien finanzieren auch den Beirat. Der WBGU wird durch einen Ausschuss der Bundesregierung begleitet, in dem alle Ministerien und das Bundeskanzleramt vertreten sind. Der WBGU trifft sich elf Mal jährlich.  Sabine Schlacke ist seit 2008 Mitglied des WBGU und seit 2016 gemeinsam mit Dirk Messner Vorsitzende.

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