Die Reparatur der Natur

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Eine mit Pollenkörnern bedeckte Hummel kostet von einer Acker-Witwenblume.© WWU

Eine mit Pollenkörnern bedeckte Hummel kostet von einer Acker-Witwenblume. © WWU - Peter Leßmann

Ein verlassener Ort inmitten von Münster: Im historischen Arzneipflanzengarten, der seit 2016 nicht mehr genutzt wird, kann die Natur so ziemlich tun und lassen, was sie möchte. Zumindest fast - wer sich zwischen der Einsteinstraße und der Schlossgräfte durch eine Wiese mit hoch gewachsenen Gräsern kämpft, entdeckt eine etwa 50 Quadratmeter große Lichtung, auf der eingetopfte Wiesenpflanzen auf schwarzen Bodenplanen aufgereiht sind. Es handelt sich um die Versuchsobjekte von Pflanzenökologin Dr. Anna Lampei-Bucharova, die sich diesen verwegenen Platz für ihre Forschung ausgesucht hat.

Vögel zwitschern, und wenn man genauer hinhört, mischt sich darunter das deutliche Brummen von Hummeln, die eifrig zwischen den gelben und lilafarbenen Blüten der Pflanzen unterwegs sind. Bei aller Idylle hat das Experiment ein ernstes Ziel: etwas zu reparieren, das kaputtgegangen ist. Anna Lampei-Bucharova möchte mit ihrer Forschung dabei helfen, Ökosysteme zu renaturieren, die Menschen zum Beispiel durch Baumaßnahmen oder Landwirtschaft zerstört haben. Davon gibt es viele: „Im Münsterland gibt es bis auf einige Flecken im Prinzip keine Natur mehr“, sagt die Wissenschaftlerin des Instituts für Landschaftsökologie der WWU.

In ihren Projekten untersucht sie, welche Pflanzen standortabhängig am besten für bestimmte Renaturierungen nutzbar sind. Dabei hat sie ein langfristiges Ziel im Blick: Welche Pflanzenarten eignen sich hinsichtlich des Klimawandels und der in den kommenden Jahren bevorstehenden Erwärmung um einige Grad Celsius? Und noch konkreter: Wie unterscheiden sich die Pflanzen innerhalb ihrer Art?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben die Gewächse im Experiment teilweise eine Reise quer durch Deutschland hinter sich. So stehen dort beispielsweise Wiesen-Flockenblumen, Gewöhnlicher Hornklee und Weißes Labkraut aus Münster neben ihren südund ostdeutschen Verwandten aus München und Frankfurt an der Oder. Auf diese Weise untersucht Anna Lampei-Bucharova mit ihren Kolleginnen und Kollegen, wie dieselben Arten an ihre Umgebung angepasst sind. Die zwischen den Blüten herumfliegenden Hummeln sind dabei nicht nur Statisten, sondern wichtige Versuchsteilnehmer. Denn die Wissenschaftler wollen nicht nur herausfinden, ob sich die Pflanzen aufgrund ihrer Herkunft voneinander unterscheiden, sondern auch, ob sie unterschiedliche Wirkungen auf ihre Bestäuber haben.

Anna Lampei-Bucharova lässt ihren Blick interessiert von Blüte zu Blüte schweifen. In jedem der einzelnen Grüppchen, in die sie die Pflanzen eingeteilt hat, entdeckt sie mindestens ein schwirrendes oder verharrendes Insekt. Drei verschiedene Hummelarten sind regelmäßig zu Gast - selbst der Laie sieht, dass sie sich äußerlich an der Farbe ihres Haarkleids unterscheiden. Studierende beobachten regelmäßig zu unterschiedlichen Zeitpunkten das Geschehen in dem Mikrokosmos. Erste Ergebnisse zeigen, dass die auf den ersten Blick gleich aussehenden Pflanzen durchaus unterschiedliche Anziehungskräfte auf die wählerischen Insekten haben.

„Wir haben bereits herausgefunden, dass die Pflanzen aus der Münchener Region doppelt so viele Bestäuber anziehen und gleichzeitig doppelt so viele Interaktionen hervorrufen wie andere“, erklärt Anna Lampei-Bucharova. Als Interaktion zählt zum Beispiel das Fliegen von einer Blüte zur nächsten. Der Grund für die großen Unterschiede: Einige der Pflanzen fangen viel früher an zu blühen als die anderen, da sie sich an die klimatischen Umstände in ihrer ursprünglichen Region angepasst haben. Darüber hinaus variieren die Pflanzen teilweise deutlich in ihrer Größe. Im Labor untersuchen die Wissenschaftler zudem, wie sie sich genetisch unterscheiden.

Die Erkenntnisse helfen dabei, Samen für Renaturierungsmaßnahmen auszuwählen, die perfekt auf die jeweilige Region abgestimmt sind. Das Forschungsthema ist ein Anliegen, das mittlerweile auch die Vereinten Nationen beschäftigt - in der nächsten Dekade, die 2021 beginnt, wird es um die Wiederherstellung von Ökosystemen gehen.

„Wir forschen an einem Thema, das Hoffnung schafft. Es geht darum, Lösungen zu finden und auch dort zu helfen, wo nichts mehr ist“, betont Anna Lampei-Bucharova. Aber bei aller Hoffnung relativiert sie auch: „Ökosysteme, die einmal verloren gegangen sind, können wir nicht wieder so herstellen, wie sie einmal waren. Das sollte man bei jedem Bauvorhaben beachten, auch wenn Ausgleichsflächen in der Planung inbegriffen sind.“

Dass man die Natur noch in Teilen reparieren kann, davon ist sie überzeugt. „Das Bewusstsein für nachhaltige Themen verändert sich zunehmend in der Gesellschaft“, betont sie. So wird sie bald hoffentlich an immer mehr Orten in Münster und darüber hinaus die Hummeln um Wiesen-Flockenblume und Co. beobachten können.


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