Denunziation und Unrecht in Heidelberg während der NS-Zeit

Germanistikstudent Heinz Stern äußerte sich im Juni 1933 in einer Heidelberger B

Germanistikstudent Heinz Stern äußerte sich im Juni 1933 in einer Heidelberger Buchhandlung beiläufig zu tagesaktuellen Themen, die als politische Kritik interpretiert wurden. Daraufhin wurde er vom Sondergericht Mannheim zu einem Jahr Haft verurteilt und von der Universität ausgeschlossen. | © Universitätsarchiv Heidelberg

Der Historiker Frank Engehausen dokumentiert juristische Verfahren zwischen 1933 und 1945

Wie Menschen in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur unvermittelt in die Fänge der Geheimpolizei und des Justizapparats geraten konnten, hat der Historiker Frank Engehausen am Beispiel Heidelbergs untersucht. In seinem neuen Buch dokumentiert der Wissenschaftler vom Historischen Seminar der Ruperto Carola insgesamt 52 Fälle, die sich zwischen 1933 und 1945 in der Universitätsstadt am Neckar ereigneten und vor dem Sondergericht Mannheim verhandelt wurden. Eine Vielzahl der juristischen Verfahren lässt sich dabei auf Denunzianten zurückführen. Sie schwärzten Mitbürger an, die sich etwa im privaten Umfeld kritisch gegenüber dem NS-Staat und seinen Repräsentanten geäußert hatten. Das Strafmaß reichte von mehrmonatigen Haftstrafen bis hin zur Vollstreckung von Todesurteilen.

Gleich der erste im Buch dargestellte Fall zeigt exemplarisch, welche extremen Auswirkungen scheinbar harmlose Äußerungen in dieser Zeit haben konnten: Im Juni 1933, nur wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, äußerte sich der Germanistikstudent Heinz Stern in einer Heidelberger Buchhandlung eher beiläufig zu verschiedenen tagesaktuellen Themen, darunter andeutungsweise zu der durch Brandstiftung erfolgten Zerstörung des Reichstags in Berlin, die von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgeschlachtet wurde. Die Aussagen Sterns wurden von der Tochter des Buchhändlers allerdings als politische Kritik gedeutet und führten zu einer Anzeige. Der Richter des Mannheimer Sondergerichts verurteilte den Studenten daraufhin zu einem Jahr Haft, zudem wurde er von der Universität Heidelberg ausgeschlossen. Wie Prof. Engehausen betont, ,,gewähren diese Fälle direkte Einblicke in den Alltag des Nationalsozialismus und geben Eindrücke von den Meinungen einfacher Menschen zu brisanten politischen Themen." Dabei zeige sich, dass der Repressionsapparat der Diktatur nicht nur in Form der ,,krakenartigen Gestapo", sondern auch durch ,,massenhafte Denunziation" funktionierte.

Bereits im März 1933 wurde die Bildung von Sondergerichten in allen Oberlandesgerichtsbezirken des Deutschen Reichs angeordnet. In vereinfachten und beschleunigten, die rechtsstaatlichen Standards weit unterlaufenden Verfahren sollten vor allem politische Gegner aufgespürt und bestraft werden, wie Frank Engehausen erläutert. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurden schließlich neue Straftatbestände geschaffen, die in den Zuständigkeitsbereich dieser Gerichte fielen. Dazu gehörte beispielsweise das verbotene Hören ausländischer Radiosender. Auch dazu finden sich Beispiele in der Publikation.

Zuständig für solche Verfahren im Land Baden und somit auch für den Bereich Heidelberg war das Sondergericht Mannheim. Die Überlieferten Akten, die sich heute im Generallandesarchiv Karlsruhe befinden, hat der Heidelberger Historiker ausgewertet und daraus eine Auswahl an Fällen für seine Studie getroffen. Zu den besonderen Herausforderungen bei der Darstellung der einzelnen Fälle gehörte es, so Prof. Engehausen, die Perspektiven der ins Räderwerk der Sondergerichtsbarkeit geratenen Frauen und Männer aufzuzeigen, die etwa als persönliche Aufzeichnungen und Briefe vorliegen. Denn die offiziellen Schriftstücke in den Akten bieten lediglich die amtliche Sicht von Polizeiund Justizangehörigen.

Mit seinem mikroskopischen Blick auf die Strafjustiz nähert sich Frank Engehausen der Frage, wie die nationalsozialistische Diktatur mehr als zwölf Jahre aufrechterhalten werden konnte - ob mit Mitteln eines repressiven Polizeistaats oder durch breite Zustimmung der Bevölkerung. Die Fälle in der Universitätsstadt am Neckar zeigen beides. Die vielfach erfolgten Denunziationen sind ein Beleg für die Selbstmobilisierung der nationalsozialistischen ,,Volksgemeinschaft", die die Behörden bei der Verfolgung politischer Gegner unterstützte. ,,Am Beispiel Heidelbergs wird aber auch nachvollziehbar, wie die in der Machtübernahmephase zunächst als Notstandswerkzeuge zur Abwehr eines drohenden Bürgerkriegs deklarierten Sondergerichte bis zum Untergang des Dritten Reichs Dauerinstrumente der Repression blieben, die hunderttausende Deutsche mit scheinjuristischen Verfahren Überzogen und noch weit mehr Menschen durch Einschüchterung disziplinierten", so der Historiker.

Frank Engehausen: Tatort Heidelberg: Alltagsgeschichten von Repression und Verfolgung 1933 - 1945. Frankfurt/M. 2022, 379 Seiten, ISBN 9783593515229

Footer Social Media


Diese Website verwendet Cookies und Analysetools, um die Benutzerfreundlichkeit der Website zu verbessern. Weitere Informationen. |