Datenbank erfasst NS-Opfer in der Tübinger Anatomie

1078 Menschen wurden während der NS-Zeit nach ihrem Tode der Anatomie der Universität Tübingen Übergeben - ohne zu Lebzeiten das Einverständnis erteilt zu haben. Die Namen und Lebensdaten sind nun in einer Forschungsdatenbank erfasst, die erste ihrer Art an einer deutschen Universität. Das Forschungsprojekt Gräberfeld X, eine Initiative der Universität Tübingen und der Universitätsstadt Tübingen, trug biographische Daten sowie alle verfügbaren Angaben aus der Anatomie zusammen. Anlässlich des Holocaustgedenktags am 27. Januar wird der aktuelle Stand der Datenbank der öffentlichkeit vorgestellt, die noch weiterentwickelt wird.

Ein vergleichbares Werkzeug gebe es bundesweit noch zu keinem anderen anatomischen Institut, sagt Projektleiterin Professorin Benigna Schönhagen. ,,Die Datenbank bietet völlig neue Möglichkeiten, sich über die 1078 Menschen zu informieren." Von vielen Betroffenen hätten biographische Angaben gefehlt, und nur wenige Lebensgeschichten seien bekannt gewesen. ,,Aber einige Lücken konnten wir im Forschungsprojekt zum Gräberfeld X bereits schließen", berichtet die Historikerin.

Fragen, die vorher einzeln recherchiert werden mussten, lassen sich nun mit wenigen Klicks und über Filterfunktionen klären. So ist beispielsweise erfasst, wie viele Hingerichtete, Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter oder Kriegsgefangene pro Jahr in die Anatomie kamen, wer sie waren und woher sie stammten. Zudem finden sich Informationen zu den Frauen und Männern, unter anderem zu Geburtsund Sterbeorten. Weitere künftige Erkenntnisse werden in die Forschungsdatenbank einfließen.

,,Die Aufbereitung dieser Daten ist weit mehr als eine Sammlung von Zahlen: Die Arbeit des Forschungsprojekts gibt NS-Opfern aus dem Gräberfeld X wieder eine Geschichte und macht ihre Schicksale unvergessen", sagt Monique Scheer, Prorektorin für Internationales und Diversität an der Universität Tübingen. ,,Das Projekt ,Gräberfeld X’ leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Zeit an der Universität wie auch im anatomischen Institut Tübingen."

,,2019 wurde durch das Stadtarchiv auf dem Gräberfeld X ein Gedenkbuch aufgestellt, das 42 fehlerhafte Namen auf den Gedenkplatten korrigiert und fehlende Opfer ergänzt. Dass diese Forschungen jetzt durch ein gemeinsam finanziertes Projekt von Stadt und Universität fortgesetzt werden und in einer Datenbank münden, zeigt die gute und verlässliche Zusammenarbeit beider Institutionen bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in unserer Stadt", sagt Oberbürgermeister Boris Palmer. ,,Mit der neuen Datenbank steht der Forschung und der interessierten öffentlichkeit nun ein außerordentlich hilfreiches Werkzeug zur Verfügung, das am lokalen Beispiel eindrücklich vor Augen führt, welch tödlichen Folgen die verbrecherische Politik des Nationalsozialismus in allen Lebensbereichen für ungezählte Menschen hatte."

Zum digitalen Launch der Datenbank am Donnerstag, 27. Januar, um 19 Uhr sind Medienvertreterinnen und -vertreter sowie Interessierte herzlich eingeladen. Es sprechen Professorin Monique Scheer, Prorektorin für Internationales und Diversität an der Universität Tübingen, sowie Boris Palmer, Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen. Professorin Benigna Schönhagen und Stefan Wannenwetsch vom Forschungsprojekt Gräberfeld X werden gemeinsam mit Webdesigner Matthias Lehr die Funktionen vorstellen und Fragen zu Inhalten und Technik beantworten. Sie laden zudem ein, Wünsche und Anregungen für die Weiterentwicklung der Datenbank einzubringen.

Zudem stellt das Projekt exemplarisch erstmals die Lebensgeschichte von Josef Bukofzer vor, eines der wenigen jüdischen Opfer, die im Gräberfeld X bestattet wurden. Seine Geschichte wurde von der Studentin Antonia Wegner im Rahmen eines Lehrforschungsprojektes rekonstruiert.

Zugangslink zur Veranstaltung: https://zoom.us/j/93377273651?pwd=Z1Z6NnhxQXQwV3A1RHpwQlZ6cUVPUT09 Meeting-ID: 933 7727 3651; Kenncode: 533039

Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Wir weisen darauf hin, dass die Veranstaltung aufgezeichnet wird.

Das Projekt Gräberfeld X arbeitet die Vorgänge in der Tübinger Anatomie während der NS-Zeit auf. Es ist nach dem Friedhofsareal benannt, auf dem alle Toten beigesetzt wurden, die zuvor am Anatomischen Institut der Universität Tübingen Lehrund Forschungszwecken dienen mussten. https://graeberfeldx.de/


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