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Wundermittel Nanotechnologie?

Prof. Dr. Frank Marcinkowski Foto: WWU
Kommunikationswissenschaftler untersuchen die Darstellung und Wertung neuer Technologien
Fachleute, so die Bundesregierung, schätzen den weltweiten Umsatz mit Produkten der Nanotechnologie im Jahr 2015 auf über eine Billion Euro. Dabei kann über die Hälfte der Deutschen laut einer Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) nichts mit den Begriffen Nanotechnologie und Nanomaterialien anfangen. Die Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski von der Universität Münster und sein Mannheimer Kollege Matthias Kohring haben nun als erste systematisch die deutsche Berichterstattung darüber untersucht. Ergebnis: Überwiegend wird sehr positiv über Nanotechnologie berichtet und stark auf den medizinischen und ökonomischen Nutzen abgestellt. Eine kritische Alternative zu dieser einseitigen Fortschrittsperspektive findet sich nur vereinzelt.
Das BfR hat die ebenfalls die kommunikationswissenschaftliche Langzeitanalyse in Auftrag gegeben. "Das Thema eignet sich besonders dafür, weil es erstens neu ist und sich zweitens der unmittelbaren Anschauung und direkten Wahrnehmung der Menschen entzieht. Deshalb sind sie darauf angewiesen, was in den Medien berichtet wird", erklärt Matthias Kohring. Insgesamt wurden 1807 Artikel aus neun deutschen "Qualitätszeitungen" im Zeitraum zwischen Januar 2000 bis Dezember 2008 untersucht.
Frank Marcinkowski und Matthias Kohring nutzten zur Auswertung sogenannte Medienframes, wobei Frames als bestimmte, unverwechselbare Muster eines Textes zu verstehen sind, die sich aus mehreren Elementen zusammen setzen. Dazu gehören die Problemdefinition, die Zuschreibung von Verantwortung, moralische Bewertung von Akteuren und Handlungsanweisungen oder Lösungsvorschläge. Vorteil dieser Methode: Es werden nicht nur einzelne inhaltsanalytische Elemente, sondern Deutungsmuster und Orientierungsrahmen identifiziert.
Vier Muster bestimmen die mediale Auseinandersetzung mit der Nanotechnologie und drei davon sind überaus positiv konnotiert. Der "Wissenschaftliche Fortschritt" gilt als Selbstzweck und eigentlicher Nutzen der Nanoforschung. Insgesamt stellt fast die Hälfte der untersuchten Texte ausschließlich den Fortschrittscharakter der Forschung heraus. Der "Wirtschaftliche Nutzen" wird vor allem in neuen Arbeitsplätzen oder Umsatzpotenzialen gesehen. Auch hier gibt es so gut wie keine Risikonennungen oder Forderungen. Beim "Medizinischen Nutzen" fallen die Zukunftsprognosen allesamt positiv aus. Einzig im Frame "Ambivalenz" werden Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen und ethische Aspekte angesprochen. Artikel aus dieser Gruppe machten noch nicht einmal 15 Prozent der Gesamtheit aus.
Augenfällig sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Zeitungen: Über die Hälfte aller Artikel sind in der "FAZ", der "Welt" und der "Financial Times Deutschland" erschienen. Kritischere Stellungnahmen finden sich nur in der "taz" und in der "Zeit", die sich aber vergleichsweise selten zu Wort melden. "Die Berichte erzählen von der Beherrschbarkeit der materiellen Welt durch den Menschen, der in der Lage ist, auf der Ebene einzelner Atome zu operieren, und dadurch medizinischen Fortschritt und ökonomischen Nutzen schafft", sagt Frank Marcinkowski. "Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter erstaunlich, dass es auf Seiten der Bevölkerung bisher wenig kritische Reaktionen auf die Nanotechnologie oder gar Protest dagegen gibt."
Und das, obwohl die Technologien nicht unumstritten sind. Die größten Risiken sehen Wissenschaftler im Einatmen von Nanopartikeln, heißt es seitens der Bundesregierung. Bestimmte nanoskalige Teilchen wurden in Tierversuchen in Leber, Herz und Gehirn von Ratten entdeckt. Auch wenn es im Detail häufig noch unklar ist, wie die Kleinstteilchen im Körper transportiert werden und so in die Organe gelangen: Unbestritten ist, dass bestimmte Nanopartikel Einfluss auf die Gesundheit haben können. Aufgrund ihrer geringen Größe und höheren Reaktivität können Nanopartikel auch giftig sein.
In den USA beginnen die Medien, sich langsam stärker den Risiken zu zuwenden. Um zu erkennen, ob und wann dieser Trend auch in der deutschen Berichterstattung eintritt, stehen die münsterschen Forscher in mit Kollegen am wichtigsten amerikanischen Zentrum für Life Science Communication an der University of Wisconsin. Im Auftrag der nationalen Einrichtungen für Technikfolgenabschätzung in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sie darüber hinaus ihre Medienanalyse auf den gesamten deutschen Sprachraum ausgedehnt und in das Jahr 2009 verlängert. "Was die Medien im Moment mit der Nanotechnologie betreiben, ist nicht nur Popularisierung, sondern geradezu Promotion. Uns erinnert das stark an vergleichbare Entwicklungen in der Sportpublizistik, wo die Journalisten längst von kritischen Beobachtern zum Teil der Werbemaschinerie geworden sind", resümiert Frank Marcinkowski.
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