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Wüstes Land im 19. Jahrhundert

Endzeitstimmung verbreitet das Bild „The New Zealander“ von Gustave Doré aus dem Jahr 1872: Ein Neuseeländer zeichnet die Ruinen Londons. Das Bild spiegelt eine damals in England weit verbreitete Sorge wider: Dass sich die Kolonien des Landes besser entwickeln als England selbst. Professor Ralph Pordzik von der Uni Würzburg hat erstmals systematisch apokalyptische Gedichte untersucht, die im 19. Jahrhundert in England entstanden sind. Foto: privat
Was verbindet apokalyptische Gedichte aus dem 19. Jahrhundert mit den Werken von Quentin Tarantino? Was haben sie mit Endzeitfilmen wie „I am Legend“ zu tun? Anglistik-Professor Ralph Pordzik von der Uni Würzburg erklärt es in einer neuen Studie.
Die Ängste der Menschen vor Atomkraft, Gentechnik, Klimawandel und anderen Entwicklungen haben sich vielfach in Büchern und Filmen niedergeschlagen. Zum Beispiel im Kinofilm „I am Legend“: Die Menschheit ist durch ein gentechnisch verändertes Virus fast ausgelöscht, der Held der Geschichte streift mit seinem Hund durchs menschenleere, von Pflanzen überwucherte Manhattan.
Die Wurzeln solcher Katastrophen- und Endzeitfilme sieht Professor Ralph Pordzik im 19. Jahrhundert. „In Großbritannien beschäftigten sich damals viele Literaten mit ähnlichen Szenarien“, sagt er. In dieser Zeit entstanden zahlreiche apokalyptische Gedichte. Sie handeln zum Beispiel vom Leben in Ruinenstädten oder vom letzten Menschen auf der Erde.
Biblische Apokalyptik als Ausgangspunkt
Warum beschäftigten sich die Dichter damals zunehmend mit dem Untergang der Zivilisation? Ausgangspunkt dafür war die biblische Apokalyptik: Sie beschreibt das Ende der Geschichte, den Anfang des tausendjährigen Gottesreichs. Bevor dieses anbrechen kann, müssen immer wieder böse Mächte gebändigt werden. Auf der Welt herrschen Krankheit, Gewalt und Zerstörung. „Über die Apokalypse wurde im 19. Jahrhundert viel diskutiert, auch aus religiös-erzieherischen Gründen. Da ging es um die Mahnung, auf der richtigen Seite zu stehen, wenn Gottes Reich kommt“, erklärt Pordzik.
Gleichzeitig aber entfernten sich die Menschen damals immer stärker von der Religion. Das machte sich auch in der Literatur bemerkbar. „Ab 1850 äußerten viele Dichter eine wachsende ironische Distanz zur Idee der Apokalypse“, erklärt der Würzburger Professor. Vielen sei klar geworden, dass die biblische Vorstellung vom Ende der Welt rein fiktiv ist, dass sie in immer neuen Texten modifiziert und bearbeitet wurde. Warum also sollten sie selbst nicht auch mit diesem literarischen Material spielen?
Die Tarantinos des 19. Jahrhunderts
So fingen die Lyriker aus rein schriftstellerischen Überlegungen damit an, die biblischen Bilder mit Motiven aus der Apokalyptik der Antike und anderer Kulturen zu vermischen. „Im Prinzip machten sie genau das, was Quentin Tarantino heute in seinen Filmen macht“, sagt Pordzik. Auch der amerikanische Regisseur reiht zahlreiche Motive aus anderen Filmen aneinander – und schafft dadurch ironische Distanz zu den Gewaltszenen, wie etwa im Streifen „Kill Bill“.
Alte Vorstellungen vom Ende der Weltzeit, wie die Auferstehung der Toten und das universale Gericht Gottes, wurden so weitgehend zu den Akten gelegt. Stattdessen griffen die Dichter Visionen vom politischen Verfall, Bilder von nationalen Katastrophen und vom Weiterleben in Ruinen auf. „Die Apokalyptik ging über in die Idee eines sprichwörtlich ‚wüsten‘ Landes“, so Pordzik. Ihren lyrischen Höhepunkt habe diese Entwicklung im 20. Jahrhundert gefunden, besonders in T. S. Eliots berühmtem Gedicht „The Waste Land“ (Das wüste Land) von 1922.
Romane und Filme greifen Motive auf
Die Gedichte des 19. Jahrhunderts haben die noch heute verbreiteten Katastrophenszenarien maßgeblich mitbestimmt – das ist Pordziks Kernthese. Die apokalyptischen Bilder der Lyriker lebten ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zuerst in Romanen weiter, etwa in „The Time Machine“ von Herbert George Wells oder in Richard Jefferies „After London“.
Mit dem Aufkommen des Films wurden die Geschichten dann über dieses Medium neu erzählt und weiter bearbeitet. „Und noch heute werden die fulminanten Bilder vom Ende der Welt, wie sie erstmals in den Gedichten des 19. Jahrhunderts erschaffen wurden, in Blockbustern wie Deep Impact oder The Day After Tomorrow endlos ausgeschlachtet“, so Pordzik.
Erste systematische Analyse der Gedichte
Über die apokalyptischen Gedichte des 19. Jahrhunderts wurden bislang nur vereinzelt wissenschaftliche Aufsätze publiziert. Diese befassen sich vor allem mit den bedeutenden Dichtern der viktorianischen Ära: Alfred Lord Tennyson, Matthew Arnold und Robert Browning. Ralph Pordzik hat sich erstmals systematisch mit den Gedichten auseinandergesetzt und sie in den kulturellen und literarischen Kontext ihrer Zeit eingeordnet. Studierende waren in diese Arbeit mit eingebunden, denn der Professor hat die Gedichte über mehrere Semester hinweg auch in Seminaren behandelt.
Leseprobe der Studie in „Anglia“
Pordziks Studie „Victorian Wastelands. Apocalyptic Discourse in Ninetheenth-Century Poetry“ erscheint voraussichtlich im März 2012. Publiziert wird sie als Buch in englischer Sprache beim Universitätsverlag Winter in Heidelberg. Wer schon jetzt etwas daraus lesen will: Ein gekürzter Vorabdruck eines Kapitels ist bereits in der Zeitschrift „Anglia“ erschienen (Band 128.3, 2010).
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