Wo die Zunge an ihre Grenzen stößt ?

Hoch dotierte EU-Förderung für LMU-Wissenschaftlerin

Die Linguistin Marianne Pouplier vom Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München wird mit einem Starting Grant des European Research Council (ERC) ausgezeichnet. Sie erhält für ihr Projekt ‘Stability and change in sound patterns of the world’s languages’ eine Förderung in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro. Mit dem Starting Grant fördert der ERC zukunftsweisende Grundlagenforschung, indem er herausragende, besonders kreative Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützt.

Die Sprachen der Welt sind ungemein vielfältig - trotzdem gibt es bestimmte Strukturen, die in den meisten oder sogar allen Sprachen immer wieder auftauchen. So unterscheiden alle Sprachen Konsonanten und Vokale, und Wörter bestehen meist aus einer mehr oder wenigen regelmäßigen Abfolge von Konsonanten und Vokalen. Aber es gibt auch sehr seltene Strukturen: im Georgischen beispielsweise können Wörter nur aus Konsonanten bestehen ‘ etwa ‘prtskvn’ für ’schälen’. Für Sprachforscher sind die Grenzen linguistischer Vielfalt sehr interessant, denn universelle Muster können Aufschluss über die evolutionäre Entwicklung von Sprache geben und die Bedeutung physiologischer und kognitiver Faktoren beleuchten. Warum bestimmte Sprachstrukturen nur selten vorkommen, wird in den Sprachwissenschaften, der Psychologie und der Kognitionswissenschaft kontrovers diskutiert. In ihrem Projekt will Marianne Pouplier der Frage nachgehen, ob bestimmte Lautstrukturen tatsächlich "Zungenbrecher" sind, die schwieriger auszusprechen, zu verarbeiten und zu lernen sind als andere und deshalb seltener vorkommen. Dazu verfolgt sie eine neue empirische Herangehensweise: Mit Ultraschallexperimenten beobachtet die Wissenschaftlerin die Sprechbewegungen der Zunge, um die sprechmotorische Komplexität von Lautstrukturen zu analysieren. Außerdem wird Pouplier mit Hilfe von Perzeptionsexperimenten untersuchen, ob seltene Sprachmuster tatsächlich einen höheren Verarbeitungsaufwand bedeuten. Durch die Kombination der verschiedenen empirischen Methoden geht das Projekt ganz neue Wege, um die Existenz von Sprachuniversalien und deren Bedeutung für die kognitive Verarbeitung von Lautstrukturen zu erforschen. (göd)

Marianne Pouplier studierte an der Universität Freiburg Deutsch und Englisch und legte 1998 das erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab. Anschließend war sie von 1999 bis 2003 als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Haskins Laboratories (USA) tätig. Im Jahr 2003 wurde Pouplier von der Yale University (USA) im Fach Linguistik promoviert. Nach Stationen als Postdoktorandin und Forschungsstipendiatin an der University of Maryland (USA) beziehungsweise der University of Edinburgh (Großbritannien) leitet Pouplier seit 2007 die Emmy-Noether Nachwuchsgruppe ‘Timing und Kohäsion von Gesten in der Sprachproduktion’ am Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung der LMU.

 

 
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