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Krankheit als gesellschaftliches Phänomen
Soziologe Alain Ehrenberg spricht an der Universität Münster
Was krank, was gesund ist, ist eindeutig definiert in unserer Gesellschaft. Dazu gibt es schließlich die ICD-10, die „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“, in der fein säuberlich alle körperlichen und seelischen Leiden aufgelistet werden. Das reicht von A00 für infektiöse und parasitäre Krankheiten über F00-F99 für psychische und Verhaltensstörungen bis hin zu V01–Y98 für äußere Ursachen von Morbidität und Mortalität. Was dort nicht auftaucht, macht Menschen auch nicht krank. Krankheit ist also kein individuelles Problem, sondern eine Sammlung gesellschaftlicher Konventionen und Übereinkommen. Besonders anschaulich hat dies der französische Soziologe Alain Ehrenberg formuliert. Er ist am 22. Februar zu Gast an der Universität Münster.
Im Rahmen einer internationalen Konferenz zu Religion, Heilung und Psychiatrie, die das Institut für Ethnologie vom 22. bis 25. Februar veranstaltet, spricht Ehrenberg um 19 Uhr im Hörsaal S1 im Schloss auf Englisch über die sprachlichen Kategorien, mit denen menschliche Gefühlswelten beherrschbar gemacht werden. Ein Ansatz, dem folgende Überlegung zugrunde liegt: dass Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit kulturell spezifisch sind. Sprachliche Kategorien definieren, was eine bestimmte Gesellschaft als anormal und somit krankhaft ansieht und ausgrenzen will. Im Wien des angehenden 20. Jahrhunderts beispielsweise wurde jede Frau, die sich außerhalb der Normen verhielt, als "hysterisch" diagnostiziert – eine Bezeichnung, die vom griechischen Wort für "Uterus" stammt. Damit war gleichzeitig definiert, dass ein Mann niemals hysterisch agieren könne.
Der gesellschaftliche Einfluss auf Krankheit und Gesundheit wird überdeutlich, wenn man unterschiedliche Kulturen miteinander vergleicht. In westlichen Kulturen nehmen Depressionen immer mehr zu. Ehrenberg interpretiert das in seinem bekanntesten Buch "Das erschöpfte Selbst" als Ausdruck einer stetig zunehmenden gesellschaftlichen Erwartung an den Einzelnen, sein Leben mündig und selbstbestimmt zu gestalten. Gerade die Autonomie der einzelnen Person führe dazu, dass immer mehr Menschen diesen Erwartungen nicht mehr gerecht werden können – und dadurch in Depression verfallen.
So wie das Individuum an gesellschaftlichen Erwartungen scheitern kann, so sagen umgekehrt die Kategorien, mit denen Krankheit definiert werden, viel über die jeweilige Gesellschaft aus. Da treffen sich die Ansätze von Ethnologen, Soziologen und Psychiatern, die zur bisher größten deutschen Tagung zur Rolle von Religion für die transkulturelle Psychiatrie in Münster erwartet werden.
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