Kino im Blickpunkt der Wissenschaft

Junge Wissenschaftler aus Deutschland und der Schweiz befassen sich in einem dreijährigen Forschungsprojekt eingehend mit der Rolle des Kinos im Zeitalter der neuen Medien. Das Netzwerk "Erfahrungsraum Kino", zu dem sich Forscher aus Zürich, Berlin, Mainz, Siegen, Bochum und Bonn unter der Federführung von Juniorprofessor Florian Mundhenke von der Universität Leipzig zusammengeschlossen haben, wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Im Juni wurde es bewilligt. Anfang Dezember tauschten die Forscher in Bochum bei einem ersten Arbeitstreffen ihre Erfahrungen aus.


Mundhenke ist der Initiator des Forschungsprojekts. "Wir untersuchen unter anderem die Wahrnehmungserfahrung im Kino, das Kino als sozialen Ort und auch die Konkurrenzsituation durch die neuen Medien", sagt der Juniorprofessor für Mediale Hybride an der Universität Leipzig. Letztere stellten eine neue Herausforderung für das Kino dar. "Der Film muss eine neue Qualität im Kino gewinnen", so der Fachmann. Von der digitalen Technik könne das Kino profitieren.

Das Netzwerk wolle in der dreijährigen Projektarbeit auch die Frage nach der Zukunft des klassischen Kinos beantworten, das im Zeitalter des Internets längst nicht mehr die primäre Wissensquelle ist. "Ich denke aber, dass das Kino eine Zukunft hat, da es durch die gemeinsame Rezeption von Filmen einen ganz besonderen Freizeitwert hat", erklärt Mundhenke, der Sprecher des Netzwerks, das aus insgesamt zehn Wissenschaftlern besteht. In den 1960er Jahren haben ihm zufolge Filmwissenschaftler bereits den soziologischen Aspekt von Filmrezeption im Kino untersucht. Das Netzwerk "Erfahrungsraum Kino" gehe allerdings weit darüber hinaus, da es die digitalen Medien und deren Auswirkungen auf das Kino mit einbeziehe.

"Heute stehen Wissenssendungen hoch im Kurs, doch die Bemühung, Wissenschaft auch im Kinofilm darzustellen, gibt es seit die Bilder laufen lernten", sagt die Film- und Medienwissenschaftlerin Ursula von Keitz von der Universität Bonn, die ebenfalls in dem DFG-Netzwerk forscht. Die frühen Kinofilme hatten ihr zufolge nicht nur künstlerische oder unterhaltsame Qualitäten, sie sollten auch praktische Lebenshilfe vermitteln. So klärte der Ufa-Kulturfilm "Falsche Scham" von 1926 populärwissenschaftlich über Geschlechtskrankheiten auf. "Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Dokumentation und Spielszenen in Form von Episoden aus dem Tagebuch eine Arztes", berichtet von Keitz.

Neben der Bedeutung des Mediums für die Wissenschaftskommunikation wird auch das Kino als sozialer Ort untersucht. "Wer ins Kino geht, huldigt einem Ritual: Menschen verabreden sich, nehmen sich vor der Leinwand als Gemeinschaft wahr und teilen ein Erlebnis", berichtet die Bonner Filmwissenschaftlerin. "Hinterher setzen sich viele Zuschauer noch zusammen und sprechen über den Film - das verstärkt die Eindrücke." Bücher würden dagegen in der Regel alleine gelesen. "Auch Handy-Videos vermitteln eher ein individuelles Erlebnis, dazu auf einem sehr kleinen Bildschirm", sagt die Filmwissenschaftlerin. Das sei mit einem Kinoerlebnis nicht vergleichbar. Das Forschernetzwerk will außerdem ergründen, welche Rolle die Sinnesreizung in Kinofilmen spielt. "Das Kino versucht, Bilder für Emotionen - etwa Freude, Angst oder Ekel - zu finden", erläutert von Keitz.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellt für Reise- und Sachkosten 25.000 Euro zur Verfügung. "Mit der Förderung des Forschungsnetzwerks ermöglicht die DFG vor allem Nachwuchswissenschaftlern den ortsübergreifenden themenbezogenen Austausch", sagt Mundhenke. Sechs Arbeitstreffen an verschiedenen Orten und eine internationale Abschlusskonferenz in Berlin sind für die nächsten drei Jahre geplant. Im Herbst 2013 findet ein Netzwerktreffen in Leipzig zum Thema "Veränderungen in der Kinoerfahrung: Heutige Dispositionen der Filmwahrnehmung" statt, das Juniorprof. Mundhenke veranstaltet. Die Ergebnisse des Netzwerkprojektes sollen abschließend in einer Publikation dokumentiert werden.

 
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