Altern als Entwicklungsprozess

Der Blick in den Spiegel verrät es uns: Das Altern des menschlichen Organismus ist unaufhaltsam. Man denkt dabei an Verschleiß, vergleichbar mit dem altersbedingten Abnutzungsprozess eines Autos. Forschende haben nun aber gezeigt, dass der Alterungsprozess des Menschen auch einen Entwicklungsprozess beinhaltet.
Ab einem gewissen Alter zeigen sich bei allen die Zeichen der Zeit beim Blick in den Spiegel: Die Haare werden grau oder fallen aus, Fältchen bilden sich. Mit zunehmendem Alter funtionieren die Organe nicht mehr so gut wie in jungen Jahren, die Gelenke verschleißen und die Knochen- und Muskelmasse nimmt ab. Der Alterungsprozess verläuft bei jedem Menschen unterschiedlich, er ist aber unaufhaltsam. Warum und wie wir altern, ist wissenschaftlich jedoch noch nicht endgültig geklärt.
Was passiert bei der Alterung?
Klar ist aber, dass sich die menschlichen Zellen nicht unbegrenzt teilen können, irgendwann sind sie „erschöpft“. Es liegt nah, den Begriff des „Verschleißes“ heran zu ziehen. Und der Vergleich mit dem Auto, das sich mit der Zeit abnutzt, ist zunächst ebenfalls plausibel. Aber was passiert tatsächlich, wenn der Mensch altert? Jede Art von menschlichem Gewebe wird von adulten Zellen regeneriert, diese gewährleisten also zeitlebens die Erneuerung unserer Gewebe. Menschliche Zellen haben folglich ein hohes Selbsterhaltungspotenzial, wobei sie immer wieder Stammzellen hervorbringen, die das Regenerationspotenzial erhalten. Andererseits nimmt im Laufe des Lebens diese Fähigkeit zur Reparatur und Selbsterneuerung ab.
Zusammenhang zwischen Stammzellen und Alterung
Wissenschaftliche Untersuchungen nähren die Vermutung, dass Stammzellen und Alterung unmittelbar zusammenhängen. Die molekularen Zusammenhänge sind letztlich jedoch noch nicht geklärt. Forschende der RWTH Aachen untersuchten nun altersbedingte Veränderungen an zwei Arten menschlicher, adulter Stammzellen: Blutstammzellen (hämatopoetische Stammzellen) und mesenchymale Zellen, das sind die Vorläuferzellen für Knorpel-, Fett- und Knochengewebe. Diese Stammzellen werden aus dem Knochenmark von Spendern im Alter von 25 bis etwa 85 Jahren gewonnen. Aus den entnommenen Stammzellen werden Zellkulturen angelegt. Dabei ist zunächst ein sehr schnelles Zellwachstum zu beobachten; die Zellen teilen sich also, so dass aus einer kleinen Menge eine große Zellzahl heranwächst. Nach zwei bis drei Monaten stagniert die Teilung jedoch, die Zellen vermehren sich nicht mehr, leben aber weiter. Im Rahmen dieser Langzeit-Kultur, aber auch im Rahmen des Alterns veränderten sich die Profile dieser Stammzellen.
Altern ist nicht eine Folge von Verschleiß
Die Forschenden stellten fest, dass in den Zellen während des Alterns bestimmte Entwicklungsgene gezielt modifiziert werden. Sie schliessen daraus, dass das Altern keine rein zufällige Akkumulation von Zellschäden - also Verschleiß - ist, sondern zumindest einen Entwicklungsmechanismus beinhaltet. Bestimmte Entwicklungsgene werden während des Alterns unterschiedlich reguliert. Dabei sind so genannte epigegenetische Regulationsmechanismen involviert, die bei der Entwicklung eine wesentliche Rolle spielen.
Kein ewiges Leben angestrebt
Die Forschenden haben nicht zum Ziel, mit ihren Arbeiten das Altern aufzuhalten. Vielmehr wollen sie verstehen, warum wir nicht ewig leben. "Wir wollen das Altern als Entwicklungsprozess begreifen, aber wir wollen es nicht regulieren und verändern“, sagt der Studienleiter und Stammzellforscher Wolfgang Wagner. Und vielleicht ist es für den Menschen sogar tröstlich zu wissen, dass Altern nicht ausschließlich auf Verschleißerscheinungen beruht, sondern einen Entwicklungsprozess beinhaltet, der für die menschliche Existenz und den Generationswechsel sinnvoll und notwendig ist.
Kontakt
Wolfgang Wagner, wwagner [and] ukaachen (dot) de
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